Warten auf…?

06. Dezember 2011 von Kerstin

(Nachtrag)

Zu unserem letzten Artikel und auf die darauf folgende Resonanz an dieser Stelle noch einige Gedanken:

Ein genauer Plan scheint in unserer als rational, zeitoptimiert und durchökonomisiert geltenden Gegenwart äußerst wichtig zu sein. Wie viele wünschen sich einen Plan für das eigene Leben, für die Karriere, für Ernährung und Gesundheit, für die allgemeine Bewältigung von Klima-, Ressourcen- und Finanzkrisen, für den Weg zu dauerndem Wohlstand und persönlichem Glück?

Warum sollten wir uns wünschen, dass man uns einen genauen Plan gibt? Weil ein konkreter Plan seine Einhaltung fordert und uns Disziplin beibringt? Sind wir nicht imstande, eigenen Willen und Beharrlichkeit für etwas aufzubringen, das wir anstreben, weil wir es für wichtig und richtig halten, oder wünschen wir uns Zwang zu einer Sache, die wir eigentlich gar nicht wollen? Doch wenn wir nicht wollen, warum sollten wir uns zwingen lassen?

Glauben wir, dass wir es nicht schaffen, wichtige Ziele zu erreichen ohne eine konkreten Plan, verabreicht von irgendwem, der sagt, er wisse ganz sicher, was gut für uns alle ist? Vertrauen wir so wenig in uns selbst und die Tatsache, dass wir auf der Basis eines wacheren Bewusstseins für Zusammenhänge allein und gemeinam gute Ideen und Antworten auf die sich uns stellenden Herausforderungen finden? Oder geht es darum, wenigstens etwas Konkretes zu erhalten, das man wie einen Plan »hat«, da wir doch bei Richtungsänderungen auch etwas verlieren, das wir haben – nämlich Gewohnheiten? Dann hängen wir wohl mehr am Haben und bringen nur wenig auf für die Frage: »wie könnte es für mich und andere besser und sinnvoller sein

Vielleicht ist Bequemlichkeit die Antwort, denn statt selbst zu forschen, zu überlegen, ein tieferes Verständnis für Zusammenhänge zu erarbeiten, ist es einfacher, fertige Lösung zu übernehmen. Das spart Mühe und Zeit, entledigt der Verantortung, lästiger eigener Zweifel oder Kritik von außen. Und ist es nicht effizient, Zeit und Aufwand zu sparen – it’s so simple, it’s so easy? Ist das am Ende nicht auch der Grund, warum Fertigpizza Deutschlands liebstes Konsumprodukt ist? Problem ist nur: wer weiß eigentlich noch, was er da isst? Bequemlichkeit bringt weitgehenden Kontrollverlust – egal mit wessen und welchem Plan.

Ich finde, statt all dem brauchen wir vor allem tieferes Verständnis für Zusammenhänge, nicht nur flüchtige Blicke hinter die Kulissen. Nicht mehr, sondern bessere Informationen, ob es um Bewegung, Ernährung und Gesundheit, um Bildung, Energiefragen, Ressourcenverbrauch, Klima-, Wirtschafts- oder Europapolitik geht. Es muss darum gehen, Abläufe besser nachzuvollziehen, um zu verstehen, welche Wege für den Einzelnen und für uns gemeinsam interessanter, intelligenter, gesünder, mehr in Balance und gangbar sind. Und dann – müssen wir über den eigenen Schatten springen, um die Wege für uns selbst voranzugehen und zu verantworten. Es hat keinen Sinn, auf den großen Plan zu warten, wenn es uns nicht gehen soll wie Wladimir und Estragon.

Wie lange schon hören wir auf einflussreiche Menschen, die uns sagen, sie wüssten Bescheid, hätten alles im Griff, und ständiges Wirtschaftswachstum löse an Ende alle Probleme – die des Einzelnen und die der kompletten Welt. Was davon hat sich wirklich als wahr erwiesen? Nichts, im Gegenteil, die Probleme häufen sich. Wir werden immer dicker während andere hungern, wir veranstalten einen nach dem anderen Klimagipfel, während der C02-Ausstoß noch nie so hoch war wie 2011. Jahre vergehen, Veränderungen im ökonomischen System zu diskutieren, und täglich wird fröhlich weiter gewettet.

Keine Zeit mehr für diese Menschen mit ihren »sicheren« Plänen. Zeit, selbst aktiv zu werden. Doch wie in so vielen Bereichen das tiefere Verständnis für Zusammenhänge erarbeiten, das uns als Grundlage für eigene oder gemeinsame Veränderungen dient? Wie schaffen wir es, wacher zu sein?

Schauen wir uns um. Antworten werden wir wohl nicht dort finden, wo altbekannte, glatt gefönte Medien am Werk sind. Wir werden sicher fündig bei Menschen, die in ihren Themenbereichen tatsächlich engagiert sind und bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit uns zu teilen – ohne zu behaupten, sie hätten den Plan. Setzen wir nach langer Zeit doch mal auf uns selbst, auf unsere Ideen, unser Know-how, auf unsere Entscheidungskraft und die Wege, die wir finden. Die Möglichkeiten zu Austausch und Vernetzung waren nie besser.

Worauf warten wir noch?

FacebookTwitterGoogle+