Thomas Palme: Klartext
21. März 2010 von Chris
(click the pix) Folgender Artikel erreichte uns von unserem Auslandskorrespondenten Thomas Palme, momentan in Krems aktiv.
Folgende Meldung stand am 20.1.2010 im »Neumarkter Anzeiger«:
»Rehkitz greift Frau an.«
NEUMARKT. Ein Rehkitz hat in Neumarkt eine 54jährige Frau angegriffen. Ein Polizist erschoß das Tier mit einer Maschinenpistole.
Der ungewöhnliche Vorfall ereignete sich am Dienstag 20.1.2010 gegen 17 Uhr auf einem Flurweg neben dem alten Kanal in Neumarkt: Nach Angaben der Polizei wurde die Frau von dem Kitz regelrecht »angefallen«.
Als die alarmierte Polizei und Mitarbeiter des Veterinäramtes eintrafen, lag das Tier ohne jede Scheu auf dem Weg und weigerte sich vehement dagegen, in den Wald zurückgebracht zu werden. Es mußte schließlich von einem Polizisten mit mehreren Schüssen aus einer Maschinenpistole getötet werden.
Die Polizei weist ausdrücklich darauf hin, daß bei dem Tier keinerlei Anzeichen von Tollwut vorlagen. Eine Übertragung dieser Krankheit sei außerdem nur durch Bisse des Tieres möglich.
Ich finde der Polizist hat richtig gehandelt. Warum muß sich dieses Viech auf den Weg legen? Die Frau will doch da durch! Und wir wollen uns doch auf unsere Ordnungshüter verlassen können. Der Polizist hat Stärke gezeigt. Mit uns nicht!
Mit uns Menschen nicht. Mit uns könnt ihr scheiß Tiere schon lange nicht mehr machen, was ihr wollt. Früher war das anders. Doch euer Selbstvertrauen hat gelitten, wie wir früher unter Eurer Herrschaft gelitten haben. Nichtmal in den Wald konnten wir gehen. Der Wald war böse. Böse Tiere wollten uns fressen. Der Bär hat gelauert und der Wolf hat gelungert. Gott sei Dank ist das vorbei. Jetzt freuen wir uns über Google.
Das ist wenigstens lebendig. Kaum drehen wir uns um, haut es uns auf die Schnauze.
Aber so, daß wir es nicht merken. Google haut auch den Tieren auf die Schnauze, und das ist gut so. Tiere sind kalt, sie wissen eigentlich nicht, was in uns vorgeht. Obwohl es sie interessiert. Aber sie verstehen es halt einfach nicht. Google ist anders. Google versteht uns, und wir verstehen die Welt mit Google, weil es nicht stinkt. Tiere stinken und das wollen wir nicht. Also wollen wir die Welt nicht mit den Tieren verstehen und nicht durch das Tier hindurch, sozusagen. Warum auch, es geht ja sauberer. Ohne Dreck und ohne Mitgefühl. Man kann doch die Welt sowieso nur abstrakt verstehen. Man versteht doch nur, was bei uns passiert, wenn man gleichzeitig versteht, was in China vor sich geht, in Afrika oder in der Atmosphäre. So kann man die Welt verstehen. Nicht mit dem Tier, das uns nur blöd anschaut. So wie das Rehkitz. Wahrscheinlich hat es so blöd geschaut, daß der Polizist gar nicht anders konnte.
Wenn es am Leben geblieben wäre, hätten wir auch nicht mehr verstanden. Womöglich hätte uns das Rehkitz sogar begleitet. Ein kleines Wegstück lang. Es hätte womöglich versucht, uns die Welt zu erklären. Mit seinem Schweigen. Ohne zu wissen, dass man so die Welt nicht verstehen kann. Denn diese Tiere sind dumm. Es heißt nicht umsonst: »Saudumm«.
Wir sollten diesen Mist noch mehr zerstören. Diese ganze stinkende Scheiße hindert uns am eigentlichen Weltverständnis. Wir brauchen so was nicht mehr. Wir brauchen keine frei lebenden Tiere mehr. Wir haben genug Abbildungen und wir haben unsere Fakten darüber gesammelt. Tiere sind der Feind der Statistik. Und das brauchen wir. Wir brauchen exakte Statistiken. Diese werden unser Überleben sichern. Google wird helfen. Tiere verzerren die Statistik. Sie sind dreckig und nicht berechenbar. Ungefähr so, wie der geistig Behinderte, ungefähr so wie Ich.
Die Zukunft gehört der Sauberkeit, zum Beispiel dem Hybridantrieb.
Thomas Palme arbeitet momentan an seinem ersten Theaterstück. Wir gratulieren.
Donaufestival, 2. Mai bis 4. Juli | das Thomas Palme Interview
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