Tag: Ökonomie

Überzeugungstat

24. August 2011 von Chris

(Filmausschnitt Maix Mayer: Die Urbanisten, 2009)

Es beginnt harmlos. Eine Prozession irgendwo in einer ländlichen asiatischen Region. Geschmückte Wagen werden gezogen, Menschenmassen schieben sich langsam aneinander vorbei. Auffallend viele Motorradfahrer scheinen unterwegs zu sein. Dicht vermummt stehen sie am Straßenrand. Ruhig  fängt die Kamera die Situation ein. Plötzlich ändert sich alles. Die ersten Explosionen. Feuerstrahlen schießen aus den gezogenen Wagen. Erst vereinzelt, dann mit einer unglaublichen Intensität. Dann herrscht Chaos. Flammen und Geschosse, ähnlich einer Stalinorgel, prasseln auf die Menschen ein. Sie drängen sich aneinander, stieben teils wieder auseinander, werden getroffen, straucheln, stehen wieder auf, sind eingehüllt in einer Wand aus Feuer und Rauch.

Was sich wie ein Attentat- oder Untergangsszenario anhört, ist in Wirklichkeit das traditionelle Neujahrsfest in Taiwan. Die mit Motorradhelmen und jeglicher Art von Schutzkleidung umhüllte Menschen lassen sich mit Absicht von den Feuerwerkskörpern treffen, laufen bewusst in diese hinein, da dieses Ritual Glück und Reichtum verspricht. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei, das Licht geht an. Die Leute um mich herum kommen aus dem Staunen nicht heraus. Thomas Fuhlrott lächelt zufrieden. Wir befinden uns nicht irgendwo in einer hippen Aktionsgalerie in Berlin, sondern mitten in einem Gewerbegebiet in Grünstadt an der Deutschen Weinstraße. Was wir gerade sahen, war die Videoinstallation »Das Restreale« des Leipziger Künstlers Maix Mayer.

Später unterhalten wir uns mit Thomas Fuhlrott, Hauptinitiator dieser Ausstellung bzw. Film- und Video Lounge im Didier-Gebäude.

Was hat uns an der Ausstellung fasziniert? Natürlich die gezeigten Filminstallationen von Maix Mayer, der momentan auch im Arp Museum ausstellt.

Ebenfalls besonders erwähnenswert: Thomas Fuhlrott ist kein Galerist oder Künstler. Er ist Gründer des Unternehmens zait und handelt mit Olivenöl. Zu diesem Zweck hat er nicht nur ein besonderes Konzept entwickelt. Er legt Wert darauf, wirtschaftliches Handeln stetig mit kultureller Tätigkeit zu verknüpfen, um konsequent über das Wirtschaftliche hinauszudenken. Dabei geht es darum, Ideen auf die eigene Weise zu verwirklichen, weil einem viel daran liegt. Zum Beispiel weil man, wie in diesem Fall, von der Arbeit eines Künstlers persönlich begeistert ist, diese Begeisterung mit den Menschen im eigenen Umfeld teilen will und daher den Künstler an einen Ort holt, welcher mit Ausstellungen dieser Art nicht verwöhnt ist. Es geht auch darum, dafür Aufwand und eigene Mittel zu leisten, auch wenn man kein Großunternehmen mit gut ausgestatteter Kulturstiftung ist. »Wenn es mir wichtig ist, dann muss ich eine Sache doch realisieren und muss mir eben auch überlegen, wie ich das mit meinen Mitteln schaffe. Nichts ist blöder, als der Satz: man müsste mal…, und dann passiert nichts, weil alle warten, bis jemand mit viel Geld kommt und das Ganze in die Hand nimmt. Wie oft passiert das? Und offen gesagt: viele von uns hätten doch einige Möglichkeiten, gute Ideen zu realisieren. Man ist oft zu sehr daran gewöhnt, sich irgendwie auf andere zu verlassen oder zu sagen: das schaffe ich nicht. Aber so hätte ich Maix Mayer niemals nach Grünstadt gekriegt.«

Da bleibt bis auf zwei Fragen nichts hinzuzufügen: Da Grünstadt eigentlich überall ist, wer ist für uns, wer ist für euch Maix Mayer? Welche Idee ist unsere, welche ist eure Ausstellung?

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Change the Game: Inspiration Lounge 2.0

22. August 2011 von Kerstin

Über zwei Jahre sind wir inzwischen unterwegs und haben kreative Macher darüber befragt, was sie tun und was sie dabei antreibt. Die Interviewliste ist mit der Zeit so lang geworden, dass wir uns mit Überlegungen trugen, neue Schlagwörter und Suchkategorien einzuführen, das Layout neu zu machen, die Interviewliste zu überarbeiten und, und, und.

Es kam anders, denn uns fiel plötzlich ein Satz ein, der uns während der Interviews immer wieder begegnet ist: »Was treibt eigentlich euch beide voran?« Aus unserer Sicht war und ist es ganz logisch, dass es insbesondere der Austausch und die Zusammenarbeit mit interessanten, inspirierenden Leuten sind. Bei den Begriffen Austausch und Zusammenarbeit haben wir dann länger verweilt, was an zwei Fragen lag, die auf einmal da waren.
Die Erste: » wie wäre es, wenn wir den Austausch mit Menschen, die wir inspirierend finden, über die bisherige Interviewform der Inspiration Lounge hinaus deutlich intensivieren?«
Die Zweite: »Ist das dann nicht auch eine wunderbare Grundlage für mehr konkrete Zusammenarbeit in Projekten, die wiederum neue Blickwinkel, Erfahrungen und gebündeltes Know-how entstehen lassen?« Da war es soweit – aus Überlegungen über die Einführung von Schlagwörtern wurde unser Weg zur Weiterentwicklung der Inspiration Lounge.

Wir sind ihn nicht völlig alleine gegangen. Immer wieder haben uns Freunde ein Stück begleitet, haben mit ihren Sichtweisen für manche Erfrischung, und teils auch manche vorübergehende Verwirrung gesorgt. Nach einiger Zeit und out of the blue ereigneten sich dann zwei erstaunliche Inspirationsmomente, mit denen wir so nicht gerechnet hatten. Doch kleinen Moment:

Zunächst ein kurzer Einschub über ein Zitat, das ich vor ein paar Jahren las und seither mit mir herumtrage: Inspirationen und Ideen zur Änderung entstehen dann und dort, wo sie notwendig sind. Vielleicht kennt auch ihr die schöne Situation, wenn einem der Gehalt eines solchen Satzes auf einmal vor Augen geführt wird. Uns ist das jedenfalls passiert, und das in kurzem Abstand gleich zwei Mal.

Damit zurück zu den schon erwähnten Inspirationsmomenten: Es ist noch nicht lange her als Chris eine Mail bekam und daraufhin zu mir sagte: »Habe ich dir damals von Felix Klemme erzählt? Ich glaube, ich habe ihn vor zwei Jahren getroffen und er erzählte mit damals, dass er sich im Bereich Fitness selbstständig gemacht hat. Gerade hat er sich gemeldet.« Und um hier abzukürzen – aus einem Treffen im Café ist bis heute in nur kurzer Zeit ein Projekt geworden, das hier in der Inspiration Lounge und weit darüber hinaus seinen Platz finden wird.

Was daran erstaunlich ist? Nun, vor allem die Tatsache, dass Chris und ich, bisher keine Fitnessanhänger, auf einmal völlig inspiriert waren von dem Begriff Bewegen und den damit verbundenen Bedeutungsvariationen. Passend dazu fand ich in dem Buch, das ich gerade las, folgende Sätze. »Kick your ass and your brain will follow. Kick your brain and your ass will follow. Bewege dich, schau was passiert und mach was daraus.«

Nach Jahren der kreativen Arbeit am Schreibtisch, beim Filmschnitt, in Interviewsituationen am Tisch ist es tatsächlich Zeit für mehr ganz reale Action. Das sehe ich nicht nur in Bezug auf die Inspiration Lounge. Ich denke, in vielen Feldern könnte es neue Wege und Schwung brauchen. Allein ein Blick auf die täglichen Schlagzeilen und Themen reicht für diesen Eindruck aus. Zusätzlich starteten wir eine Frageaktion im Freundeskreis, die in persönlicher und insbesondere körperlicher Hinsicht Folgendes ergab: viel guter Wille, aber das Fleisch ist schwach. Bewegen – eher wenig. Uns war damit klar: Zeit, bekannte Muster zu verlassen: Change the Game.

Der zweite Inspirationsmoment nahm schon vor einigen Monaten seinen Anfang. Unser Interview mit dem Unternehmensgründer Thomas Fuhlrott ließ mich aufhorchen. Hier war jemand, den seine Ideen und die Freude, etwas Gutes zu entwickeln, dazu bewegt hatte, vermeintlich feststehende Regeln und Situationen im ökonomischen, und davon ausgehend auch im gesellschaftlichen, kulturellen Bereich zu hinterfragen und zu überarbeiten. Jemand, der neue, handfeste Möglichkeiten in vielen Belangen aufzeigt.

Neulich hörte ich dann davon, dass ein Berliner Künstler, engagiert gegen Gentrifizierung, folgenden Standpunkt vertritt: »Hört auf, kreativ zu sein. Es wird nur ausgenutzt, um Regionen für die üblichen Investoren aufzuhübschen.« Mir fiel unser eben erwähntes Interview ein und ich dachte, wie wichtig ich finde, dass gute Ideen, neue Sicht- und Vorgehensweisen nicht verschwinden, sondern im Gegenteil mehr und vor allem auch über klassische kreative Felder hinaus in anderen, in ökonomischen und gesellschaftlichen Bereichen Fuß fassen. Zu sehen, wer dort welche Ideen und Entwicklungen voranbringt, persönlichere, bessere, und nachhaltigere Wege aufzeigt und so wieder Impulse für andere Umgebungen entstehen lässt – das finde ich inspirierend und nicht aufhübschend, sondern notwendig. Letztlich ganz im Sinne des Einstein-Zitates, dass wir doch bitte nicht ernsthaft annehmen sollten, entstandene Probleme mit den Mitteln zu lösen, die diese Probleme erst verursacht haben.

Daher auch hier Change the Game. Für die Inspiration Lounge und uns heißt das konkret: mehr Projekte und Dokumentationen realisieren, mehr persönliche Blickwinkel, mehr Ideen, Wissen und Know-how auch aus diesen Gebieten.

Los geht’s.

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