Tag: Leben

Anfangen

09. Juni 2012 von Kerstin

(wenn es mal wieder um alles geht)

Am Wochenende saß ich auf einer Parkbank im Grünen, als sich neben mir eine Gruppe von Personen lautstark unterhielt. Ihr Thema: so vieles im Leben werde eigentlich immer schlechter und stressiger, und man könne so wenig daran ändern, denn oft werde der Einzelne ja gar nicht gefragt.

Ich denke, es gibt einen Weg, es ganz anders zu sehen und festzustellen, dass man nicht das ganze Leben, aber das nächste eigene Handeln ändern kann | dass man nicht die Menschen selbst, aber die nächste Interaktion mit ihnen ändern kann | dass man nicht die Frage der Welternährung lösen, aber schon das nächste, eigene Essen ändern kann | dass man nicht die ganze Welt, aber sich selbst mit dem nächsten Schritt mehr in Bewegung setzen kann | dass man nicht schnell alle problematischen Fakten, aber die Blickwinkel auf sie ändern kann | dass man die Vergangenheit nicht rückgängig machen und die Zukunft nicht kontrollieren kann ­– doch wir können, wenn wir wollen, verändern, was wir jetzt, in der Gegenwart tun.

Das ist sehr weit entfernt von »alles ändern«, doch es ist der Anfang, den es braucht.

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insideBIO

03. Juni 2012 von Kerstin

(insightBIO)

Am Center for Economics and Neuroscience in Bonn untersuchten Psychologen und Hirnforscher in letzter Zeit, wer weshalb Bio-Lebensmittel kauft und wie das Label Bio dabei auf unsere Psyche wirkt. Zahlreiche Testpersonen wurden dafür mittels Kernspintomograph untersucht, während sie als Bio ausgezeichnete Lebensmittel probierten oder ihnen Bilder von entsprechenden Obst- und Gemüsesorten gezeigt wurden. Danach wurde der Test mit Lebensmitteln wiederholt, die den Getesteten als konventionell erzeugt beschrieben wurden.

Ergebnis: bereits der Anblick von Lebensmitteln, die mit dem Label »Bio« ausgezeichnet sind, aktiviert die im Gehirn lokalisierten Belohnungssysteme deutlich stärker als ein Blick auf konventionelle Ware. Kein Wunder also, dass die Testpersonen bei anschließenden Befragungen auch angaben, sie seien bereit, für Bio-Ware mehr zu zahlen – und zwar durchschnittlich bis zu 40% mehr.

Dann läuft ja eigentlich alles super, könnte man denken. Menschen fühlen sich von Bio-Produkten deutlich mehr angesprochen und sehen auch ein, dass ökologisch erzeugte Lebensmittel aufgrund des meist höheren Produktionsaufwands und geringerer Produktionsmengen nur für einen höheren Preis zu erwerben sind. Werden sich die Käuferströme daher künftig immer mehr in Richtung derjenigen Produzenten aufmachen, die es wirklich ernst meinen mit ihrem Anspruch, in Einklang mit der Umwelt und dem sozialen Umfeld zu wirtschaften? Oder auf uns Käufer gemünzt: werden wir uns, schon aufgrund unserer Hirnströme, direkt bei den Anbietern mit den besseren und nachhaltigeren Unternehmenskonzepten einfinden?

Ganz so einfach wird es dann wohl doch nicht. Forscher aus den USA fanden nämlich fast zeitgleich heraus, dass unsere Hirne lägst nicht so rational reagieren, wie wir es uns gerne vorstellen. In langfristig angelegten Studien ließ man zahlreiche Probanden verschiedene Lebensmittel, teils als Bio, teils als konventionell ausgewiesen, testen und fragte nach den Geschmackserlebnissen. Der überwiegenden Zahl der Testpersonen schmeckten die mit einem Bio-Label versehenen Lebensmittel deutlich besser als die anderen. Nur: die getesteten Lebensmittel, beispielsweise die Fruchtsäfte einer Testreihe, stammten in Wirklichkeit stets aus ein und derselben Produktion, und diese war in der Hälfte der Tests gar nicht »bio«. Hier also wieder ein Rückschluss auf das Ergebnis des Center for Economics and Neuroscience. Man fühlt sich schon besser, wenn man nur ein Bio-Label sieht, das einem dann auch durch seine positive Belegung suggeriert, man nehme das bessere Lebensmittel mit dem besseren Geschmack zu sich – auch wenn das unter Umständen gar nicht stimmt. Es lebe das Image.

Man kann sicher sein, dass gerade die Verantwortlichen der großen Lebensmittelkonzerne diese Forschungsergebnisse sehr aufmerksam lesen werden. Zeigen diese doch gleich mehrere interessante Fakten: 1. Käufer sind mehrheitlich allein aufgrund eines Bio-Labels schnell überzeugt, ein besseres, gesünderes Lebensmittel zu kaufen und fühlen sich dabei besser ­– auch wenn Bio-Label nicht gleich Bio-Label ist und längst auch die großen Discounter »bio« auf einen Teil ihrer Ware schreiben. 2. Wir können überwiegend nicht am Geschmack unterscheiden, ob wir tatsächlich ein ökologisch sinnvoll erzeugtes Lebensmittel zu uns nehmen. 3., und sicherlich ganz entscheidend: allein aufgrund eines »Bio«-Images sind Käufer bereit, bis zu 40% mehr zu zahlen als für entsprechende konventionell erzeugte Lebensmittel. Es gibt daher ordentlich Geld zu verdienen.

Also werden die Konzerne ihre Marketingmaschinen noch stärker anwerfen als zuvor, um zumindest einem Teil ihrer Produkte ein noch viel grüneres Image zu verleihen. Sie werden alle Medienkanäle nutzen, denn im Gegensatz zu vielen kleineren Unternehmen, die recht neu am Markt mit ihren ökologisch ausgerichteten Konzepten tatsächlich einen Unterschied machen, verfügen sie über große Werbebudgets. Und natürlich werden sie jede Menge Produkte entwickeln und auf den Markt bringen, die nur den Bio-Labeln mit den allergeringsten Anforderungen gerade so genügen. So lassen sich mit möglichst wenig Aufwand viele Menschen überzeugen, die geschmacklich sowieso keinen Unterschied erkennen. Das, zusammengenommen mit der sowieso vorhandenen Marktposition und Vertriebsstruktur der Konzerne sorgt dann dafür, dass diejenigen Anbieter, die sich mit ihren Gesamtkonzepten bewusst für die Einhaltung strengerer ökologischer und sozialer Anforderungen entschieden haben, auch künftig eher an die Seitenränder verwiesen werden. Also alles wie gehabt?

Auch nicht ganz, denn Nischen kann man nutzen und ausbauen. Das gilt einmal in der Hinsicht, dass wer wirklich besser produziert und liefert, es auch ohne Riesenbudget transparent machen kann. Es gibt zahlreiche wissenswerte Fakten, die uns Käufern mitgeteilt werden können und nicht nur lediglich »Hintergrundinformationen« sind, sondern uns die oft erheblichen Unterschiede in Denk- und Vorgehensweisen besser begreifen lassen. Also das konsequent und interessant zeigen, was kein Konzern, kein Discounter je zeigen könnte. Und wir Käufer? Wir können natürlich aus der Bequemlichkeit aufbrechen, um zumindest besser über die verschiedenen Bio-Labels Bescheid zu wissen, wir können deutlich bewusster auswählen und hinterfragen. Doch wie oft ist der Geist willig, aber das Fleisch schwach. Oder es fehlen uns tatsächlich entscheidende Informationen. Eines jedenfalls machen wir Interessierten heute schon überzeugend: wir erzählen unserem Umfeld gerne spannende Geschichten über Menschen, die mit besonderen Ideen Wege finden, auch in Produktion und Handel, die für uns, unser Umfeld, ihr Umfeld, die Umwelt, die Welt selbst tatsächlich besser und schöner sind als diejenigen, die wir bereits nutzen.

Wie wäre es, wenn wir Wege entwickeln, dieses Ergebnis aus der eigenen »Verhaltensforschung« künftig einfach noch viel besser in unserem Sinne und mit unseren Mitteln einzusetzen als bisher?

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Inspiration Lounge went ART COLOGNE_part 3

27. April 2012 von Kerstin

(thomas fuhlrott, zait)

Am Freitag, 20.April 2012 begann unsere Inspiration Lounge goes ART COLOGNE mit einer kurzen Einführung in das Thema des Abends »Ökonomie, Kunst und die Potenziale einer stärkeren Verbindung beider Bereiche«. Anders gefragt: was ist alles möglich, wenn sich der Kunst herkömmlicherweise zugerechnete Sicht- und Vorgehensweisen in die Wirtschaft hinein erweitern?

Zu diesen Fragen hatten wir Thomas Fuhlrott, den Gründer von zait und Mitbrgründer des Deutschen Olivenöl Panels eingeladen, der sich sowohl im Rahmen von zait als auch in seinem gerade erschienenen Buch »Unternehmung« den Verbindungen zwischen Ökonomie und Kunst widmet.

(kleine ölauswahl)

Unser Live-Interview startete mit der Frage, warum sich Thomas Fuhlrott bei der Entwicklung des zait-Konzepts von den Gedanken des englischen Kunsthistorikers und Sozialphilosophen John Ruskin leiten ließ. Welchen Einfluss hatten beispielsweise die Zitate Ruskins »Die Qualität eines Produktes muss sich an seinen Auswirkungen  auf das Leben selbst messen lassen, nicht allein daran, ob es sich gut verkauft« und »Leben ohne eine Spur von Kunst ist Brutalität«?

(zait-raum)

Nach der Erklärung über das Prinzip der Reduktion bei zait, über die permanenten, strengen Qualitätskontrollen und die enge Zusammenarbeit mit  ausgewählten Ölproduzenten im Mittelmeerraum, legte Thomas Fuhlrott dar, dass aus seiner Sicht nicht allein die heutigen Entrepreneure und Unternehmen wie zait, sondern letztlich jeder von uns gefragt sei, auf seine Art neue Ideen und künstlerische, kreativere Vorgehensweisen in das große Feld der Ökonomie einzubringen. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über konkrete Umsetzungswege und Möglichkeiten, die anschließend in zahlreichen persönlichen Gesprächen fortgesetzt wurde.

(live-interview_kerstin döweler, inspiration lounge | thomas fuhlrott, zait)

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