Tag: Know-how

Inspiration Lounge went ART COLOGNE_part 3

27. April 2012 von Kerstin

(thomas fuhlrott, zait)

Am Freitag, 20.April 2012 begann unsere Inspiration Lounge goes ART COLOGNE mit einer kurzen Einführung in das Thema des Abends »Ökonomie, Kunst und die Potenziale einer stärkeren Verbindung beider Bereiche«. Anders gefragt: was ist alles möglich, wenn sich der Kunst herkömmlicherweise zugerechnete Sicht- und Vorgehensweisen in die Wirtschaft hinein erweitern?

Zu diesen Fragen hatten wir Thomas Fuhlrott, den Gründer von zait und Mitbrgründer des Deutschen Olivenöl Panels eingeladen, der sich sowohl im Rahmen von zait als auch in seinem gerade erschienenen Buch »Unternehmung« den Verbindungen zwischen Ökonomie und Kunst widmet.

(kleine ölauswahl)

Unser Live-Interview startete mit der Frage, warum sich Thomas Fuhlrott bei der Entwicklung des zait-Konzepts von den Gedanken des englischen Kunsthistorikers und Sozialphilosophen John Ruskin leiten ließ. Welchen Einfluss hatten beispielsweise die Zitate Ruskins »Die Qualität eines Produktes muss sich an seinen Auswirkungen  auf das Leben selbst messen lassen, nicht allein daran, ob es sich gut verkauft« und »Leben ohne eine Spur von Kunst ist Brutalität«?

(zait-raum)

Nach der Erklärung über das Prinzip der Reduktion bei zait, über die permanenten, strengen Qualitätskontrollen und die enge Zusammenarbeit mit  ausgewählten Ölproduzenten im Mittelmeerraum, legte Thomas Fuhlrott dar, dass aus seiner Sicht nicht allein die heutigen Entrepreneure und Unternehmen wie zait, sondern letztlich jeder von uns gefragt sei, auf seine Art neue Ideen und künstlerische, kreativere Vorgehensweisen in das große Feld der Ökonomie einzubringen. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über konkrete Umsetzungswege und Möglichkeiten, die anschließend in zahlreichen persönlichen Gesprächen fortgesetzt wurde.

(live-interview_kerstin döweler, inspiration lounge | thomas fuhlrott, zait)

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kreativ unternehmen_Teil 2

19. Februar 2012 von Kerstin

(thomas fuhlrott_zait)

K: Wann bist Du denn zum ersten Mal mit dem Thema Entrepreneurship in Berührung gekommen?

T: Das war während meines Studiums in Berlin. Ich habe Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert, und im Rahmen des Studiums gab es regelmäßig Gastvorlesungen von Professoren aus anderen Studienfächern. Dadurch besuchte ich eines Tages eine Vorlesung von Professor Faltin, der schon damals an der FU Berlin den Arbeitsbereich Entrepreneurship aufgebaut hatte und leitete. Inzwischen gibt es natürlich mehrere Universitäten, die diesen Bereich anbieten. Doch Günter Faltin hatte lange Zeit den einzigen Lehrstuhl für Entrepreneurship in Deutschland. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass das Thema Entrepreneurship hier und heute zu einem wichtigen Thema geworden ist.

Ich habe jedenfalls seine Vorlesung besucht und schnell entdeckt, dass mich das Thema fasziniert. Das lag zum einen daran, dass mir bewusst wurde: es gibt für jeden die Möglichkeit, mit einer wirklich guten Idee und einem runden Konzept ein Unternehmen zu gründen. Gerade heute setzen Gründungen nicht mehr unbedingt große Kapitalmengen und aufwändige Produktionsstätten voraus. Dazu kam, dass ich schon damals ein großes Interesse an kreativen, innovativen Prozessen hatte. Ich interessiere mich sehr für kulturelle Bereiche wie Kunst und Musik, in denen eine Avantgarde immer wieder die Grenzen des bis dahin Bekannten hinterfragt und bricht. Wäre ich nicht auf das Thema Entrepreneurship gestoßen, ich hätte mir gut vorstellen können, nach dem Studium im Kulturbereich zu arbeiten. Doch es kam anders.

Ich begriff, dass Entrepreneurship der Weg ist, das Hinterfragen und Aufbrechen von konventionellen Denk- und Handlungsweisen in die Ökonomie zu tragen. Dass Kreativität auch in der Ökonomie eine ungemein wichtige Rolle spielt und nicht nur der Kunst oder Musik vorbehalten ist. Überhaupt, wie ich mit meinen Ideen im ökonomischen Feld etwas bewegen und Dinge positiv verändern kann – zeigen kann, wie es anders geht, gerade auch indem ich meine kreativen Interessen und Fähigkeiten kombiniere.

Als Entrepreneur kreativ zu sein, hat außerdem noch einen Vorteil: du erwirtschaftest deine finanziellen Mittel selbst. Läuft es gut, kannst du deine Tätigkeit weiter ausbauen und in neue Ideen investieren. Läuft es nicht, merkst du das unmittelbar. Viele Kunst- und Kulturschaffende hängen dagegen mit ihren Projekten von Fördermitteln ab und verbringen daher viel Zeit mit dem Stellen von Anträgen und mit Warten. Darauf hätte ich keine Lust. Noch dazu: ohne die Ökonomie geht es eben nicht. Auch die gesamte Kulturförderung hängt letztlich an einer funktionierenden Wirtschaft. Sieht man dies zusammen mit der Tatsache, dass wir nicht weiter auf ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum mit steigendem Ressourcenverbrauch setzen können, finde ich umso wichtiger, in diesem großen Bereich Ökonomie endlich mehr qualitative, zukunftsfähige Entwicklungen auf den Weg zu bringen. Dazu beizutragen macht mir große Freude.

K: Herzlichen Dank für das Interview.

Interview Teil 1

KATZAGSCHROI

(katzagschroi_schwäbisches heiligtum)

Zum Abschluss stellen wir dieses Mal ein Rezept vor, dass zwei Dinge aus unterschiedlichen Regionen vereint: bestes Olivenöl aus Katalonien/Spanien und schwäbischen Erfindergeist. Das Gericht heißt original Katzagschroi.

Für 4 Personen braucht man 500 g gekochtes Rindfleisch, das man in schmale Streifen schneidet. 2 größere Zwiebeln schneidet man in dünne Ringe, einen säuerlichen Apfel sowie eine gelbe und rote Paprika ebenfalls in schmale Streifen. Wer mag, kann außerdem noch eine Karotte in dünne Stifte schneiden.

Als nächstes rührt man aus einem Teelöffel scharfem Senf, aus Salz, schwarzem Pfeffer, Essig und Olivenöl eine Vinaigrette, die man mit dem Saft einer halben Orange abschmeckt.

Nun gibt man alle Zutaten in die Vinaigrette, mischt ordentlich durch, verteilt das Katzagschroi auf vier Tellern und streut klein geschnittenen Schnittlauch darüber.

Fertig.

Dazu passt am besten Weißbrot und ein Schnaiter Wartbühl.

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kreativ unternehmen_Teil 1

16. Februar 2012 von Kerstin

(thomas fuhlrott, zait_neue olivenöle)

Mit Thomas Fuhlrott, dem Gründer von zait, sprachen wir bereits über seine Auffassung von Produktqualität und haben erfahren, inwiefern für ihn bei der Entwicklung des Konzepts von zait auch Gedanken des Sozialreformers John Ruskin wesentlich waren. Nach vielen Fakten über Qualität und Haltung fanden wir, jetzt ist die Zeit, einmal ganz zum Anfang zu gehen. Wir haben Thomas Fuhlrott deshalb gefragt, warum er vor über zehn Jahren beschloss, das Konzept von zait zu entwickeln, durch dessen Umsetzung in die Tat er zum Entrepreneur wurde.

K: Thomas, wie war das damals? Wolltest Du schon lange vorher in diese Richtung gehen?

T: Ich hatte nicht schon ganz lange Zeit den Gedanken, ein Unternehmen zu gründen. Das hängt damit zusammen, dass man nicht einfach so plant, Entrepreneur zu werden, wie man vielleicht planen würde, später einmal Anwalt oder Angestellter zu sein. Eine Gründung, wie unsere bei zait, hängt unmittelbar mit der Tatsache zusammen, eine eigene Geschäftsidee zu haben und diese in die Realität bringen zu wollen. Wer keine Idee hat, kommt gar nicht auf den Gedanken einer Gründung. Wozu auch? Es braucht schon eine Art Initialzündung, um Entrepreneur zu werden. Und sicher kommt ein grundlegendes Interesse dazu, selbstständig zu arbeiten.

K: Allerdings gibt es auch genügend Menschen, die sich viele Jahre vornehmen, ein Unternehmen aufzubauen. Sie schauen sich genau den Markt an und gründen dann im Stil von etwas, das es bereits gibt. Anders gesagt, sie kopieren es auf ihre Art mit mehr oder weniger Erfolg.

T: Ja, das gibt es natürlich, aber das hätte uns gelangweilt, und mir hätte dazu auch der Antrieb gefehlt. Der wesentliche Unterschied bei dem Thema Entrepreneurship ist eben: man bringt tatsächlich eine neue Idee, ein neues Konzept sowie andere Sicht- und Vorgehensweisen in die Welt. Man bricht auf, um zu sehen, ob eine bestimmte Sache, und bei uns ist das der Handel mit Olivenöl, anders funktionieren kann und damit gegenüber der bestehenden Situation neue Potenziale aufzeigt. Das ist eine völlig andere Motivation als beispielsweise etwas, das bereits da ist, einfach nur etwas günstiger oder ein bisschen besser anbieten zu wollen. Etwa so, wie in den bekannten Waschmittelwerbungen, in denen die Firmen seit Jahrzehnten behaupten, sie hätten ihr Produkt jetzt noch besser gemacht. Unter uns: wie unglaublich gut müssten diese Produkte heute sein? Außerdem ändert dieser Weg kaum etwas bis gar nichts an den konventionellen Vorgehensweisen. Wir wollten dagegen von Anfang an neue Impulse setzen.

Die Situation gestaltete sich folgendermaßen: durch eine veröffentlichte Studie der EU erfuhren wir, dass Olivenöl das meist gepanschte und verfälschte Lebensmittel im EU-Raum ist. Das und natürlich die Tatsache, dass wir selbst Olivenölfans sind, hat uns dazu motiviert, uns in den Mittelmeerländern ein eigenes Bild zu machen. Wir sind dabei auf sehr qualitätsorientierte Ölproduzenten getroffen, die unter den damaligen Bedingungen selbst keine Möglichkeiten sahen, ihre Produkte erfolgreich auf den deutschen Markt zu bringen. Hinzu kam, dass wir immer mehr bemerkten, wie wenig die EU durch ihre handelspolitischen Entscheidungen auf eine bessere Ölqualität hinwirkt. Sie tut bis heute meist das Gegenteil und verhilft damit entsprechenden Interessengruppen zu Vorteilen. Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, profitieren wir als Verbraucher nicht davon.

Diese Aspekte waren damals unsere Initialzündung. Unser Antrieb war und ist, an dieser Situation etwas zu ändern, und das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir die bis dahin bestehenden Wege genauso wie alle anderen gegangen wären. Unser Anspruch, eine andere Art, Olivenöl zu handeln erfolgreich in die Welt zu bringen, erforderte in jedem Bereich neue Ideen und Vorgehensweisen. Entwicklung und Umsetzung waren deshalb echte Herausforderungen, und auch heute ist es immer wieder spannend, unser Konzept noch weiter voranzubringen.

K: War Dir während der Entwicklung und Gründung von zait bewusst, dass Du als Entrepreneur agierst? Ich frage auch deshalb, weil viele Menschen die Begriffe Entrepreneur und Unternehmer völlig gleichsetzen.

T: Mir war bewusst: die Figur des Entrepreneurs steht für neue Ideen, Eigenverantwortung und innovative Handlungsweisen, die den ökonomischen Bereich, und nicht allein diesen, verändern und voranbringen. Genau das wollte ich. Unternehmer ist der allgemeine Begriff. Um Unternehmer zu sein, muss man nicht zwingend neue Impulse setzen wollen. Die Wörter Unternehmer und Manager sind allerdings deutlich mehr in unserem Sprachschatz verankert, vor allem in gedanklicher Verbindung mit dem Begriff Business Administration. So denken viele Leute, eine erfolgreiche Unternehmensgründung sei kaum möglich ohne einen Studienabschluss in diesem Fach. Dabei liefert Business Administration, wie das Wort schon sagt, vor allem das »Handwerkszeug« zur Verwaltung eines Unternehmens und sagt allein noch nichts über das Vorliegen einer zündenden und innovativen Idee. Zuviel Ausrichtung an konventionellen betriebswirtschaftlichen Denk- und Vorgehensweisen kann bei der Ideen- und Konzeptentwicklung sogar hinderlich sein, wenn es vom Querdenken abhält. Das hat beispielsweise Anita Roddick, die Gründerin von The Body-Shop, in ihrem Zitat zum Ausdruck gebracht: »Hätte ich Business Administration studiert, ich hätte das Unternehmen niemals gegründet.«

Ende Interview Teil 1.

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Warten auf…?

06. Dezember 2011 von Kerstin

(Nachtrag)

Zu unserem letzten Artikel und auf die darauf folgende Resonanz an dieser Stelle noch einige Gedanken:

Ein genauer Plan scheint in unserer als rational, zeitoptimiert und durchökonomisiert geltenden Gegenwart äußerst wichtig zu sein. Wie viele wünschen sich einen Plan für das eigene Leben, für die Karriere, für Ernährung und Gesundheit, für die allgemeine Bewältigung von Klima-, Ressourcen- und Finanzkrisen, für den Weg zu dauerndem Wohlstand und persönlichem Glück?

Warum sollten wir uns wünschen, dass man uns einen genauen Plan gibt? Weil ein konkreter Plan seine Einhaltung fordert und uns Disziplin beibringt? Sind wir nicht imstande, eigenen Willen und Beharrlichkeit für etwas aufzubringen, das wir anstreben, weil wir es für wichtig und richtig halten, oder wünschen wir uns Zwang zu einer Sache, die wir eigentlich gar nicht wollen? Doch wenn wir nicht wollen, warum sollten wir uns zwingen lassen?

Glauben wir, dass wir es nicht schaffen, wichtige Ziele zu erreichen ohne eine konkreten Plan, verabreicht von irgendwem, der sagt, er wisse ganz sicher, was gut für uns alle ist? Vertrauen wir so wenig in uns selbst und die Tatsache, dass wir auf der Basis eines wacheren Bewusstseins für Zusammenhänge allein und gemeinam gute Ideen und Antworten auf die sich uns stellenden Herausforderungen finden? Oder geht es darum, wenigstens etwas Konkretes zu erhalten, das man wie einen Plan »hat«, da wir doch bei Richtungsänderungen auch etwas verlieren, das wir haben – nämlich Gewohnheiten? Dann hängen wir wohl mehr am Haben und bringen nur wenig auf für die Frage: »wie könnte es für mich und andere besser und sinnvoller sein

Vielleicht ist Bequemlichkeit die Antwort, denn statt selbst zu forschen, zu überlegen, ein tieferes Verständnis für Zusammenhänge zu erarbeiten, ist es einfacher, fertige Lösung zu übernehmen. Das spart Mühe und Zeit, entledigt der Verantortung, lästiger eigener Zweifel oder Kritik von außen. Und ist es nicht effizient, Zeit und Aufwand zu sparen – it’s so simple, it’s so easy? Ist das am Ende nicht auch der Grund, warum Fertigpizza Deutschlands liebstes Konsumprodukt ist? Problem ist nur: wer weiß eigentlich noch, was er da isst? Bequemlichkeit bringt weitgehenden Kontrollverlust – egal mit wessen und welchem Plan.

Ich finde, statt all dem brauchen wir vor allem tieferes Verständnis für Zusammenhänge, nicht nur flüchtige Blicke hinter die Kulissen. Nicht mehr, sondern bessere Informationen, ob es um Bewegung, Ernährung und Gesundheit, um Bildung, Energiefragen, Ressourcenverbrauch, Klima-, Wirtschafts- oder Europapolitik geht. Es muss darum gehen, Abläufe besser nachzuvollziehen, um zu verstehen, welche Wege für den Einzelnen und für uns gemeinsam interessanter, intelligenter, gesünder, mehr in Balance und gangbar sind. Und dann – müssen wir über den eigenen Schatten springen, um die Wege für uns selbst voranzugehen und zu verantworten. Es hat keinen Sinn, auf den großen Plan zu warten, wenn es uns nicht gehen soll wie Wladimir und Estragon.

Wie lange schon hören wir auf einflussreiche Menschen, die uns sagen, sie wüssten Bescheid, hätten alles im Griff, und ständiges Wirtschaftswachstum löse an Ende alle Probleme – die des Einzelnen und die der kompletten Welt. Was davon hat sich wirklich als wahr erwiesen? Nichts, im Gegenteil, die Probleme häufen sich. Wir werden immer dicker während andere hungern, wir veranstalten einen nach dem anderen Klimagipfel, während der C02-Ausstoß noch nie so hoch war wie 2011. Jahre vergehen, Veränderungen im ökonomischen System zu diskutieren, und täglich wird fröhlich weiter gewettet.

Keine Zeit mehr für diese Menschen mit ihren »sicheren« Plänen. Zeit, selbst aktiv zu werden. Doch wie in so vielen Bereichen das tiefere Verständnis für Zusammenhänge erarbeiten, das uns als Grundlage für eigene oder gemeinsame Veränderungen dient? Wie schaffen wir es, wacher zu sein?

Schauen wir uns um. Antworten werden wir wohl nicht dort finden, wo altbekannte, glatt gefönte Medien am Werk sind. Wir werden sicher fündig bei Menschen, die in ihren Themenbereichen tatsächlich engagiert sind und bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit uns zu teilen – ohne zu behaupten, sie hätten den Plan. Setzen wir nach langer Zeit doch mal auf uns selbst, auf unsere Ideen, unser Know-how, auf unsere Entscheidungskraft und die Wege, die wir finden. Die Möglichkeiten zu Austausch und Vernetzung waren nie besser.

Worauf warten wir noch?

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Eine andere Art, Olivenöl zu handeln

06. November 2011 von Chris


(thomas fuhlrott)

Thomas Fuhlrott, Gründer von zait
zait
|

schöner, erhaltend, erweiternd_Entscheidungen (Teil 1)

Mit Thomas Fuhlrott, einem der kompetentesten Olivenölexperten weltweit, sprachen wir bereits über die Auffassungen des Sozialreformers John Ruskin bezüglich der Qualität von Produkten. Ruskins Ansicht, dass ein Produkt nicht allein deshalb gut sei, weil es sich gut verkauft, sondern den Ausschlag gebe, dass es das Leben erhält und erweitert, ist ein Leitsatz des von Thomas Fuhlrott gegründeten Unternehmens zait. Dementsprechend hat man sich bei zait dafür entschieden, sich dem Handel mit ausschließlich sortenreinem Olivenöl in bester Qualität zu verschreiben

Nun lasen wir vor kurzem Berichte über verfälschtes Olivenöl aus Italien und haben in unserem Umfeld wahrgenommen, dass zahlreiche Olivenölfans irritiert über die Meldungen sind. Das haben wir zum Anlass genommen, mit Thomas Fuhlrott darüber zu sprechen, warum und durch welche Maßnahmen er bei zait kontinuierlich hohe Qualität sicherstellt.

(interview mit thomas fuhlrott_grünstadt)

K: Thomas, wie kommt Ihr bei zait Eurem besonderen Qualitätsanspruch nach und warum arbeiten viele andere offensichtlich nicht so wie Ihr?

T: In Bezug auf die Veröffentlichungen über verfälschtes Olivenöl aus Italien möchte ich zunächst etwas Grundsätzliches sagen: viele Menschen wissen bis heute nicht, dass die Bezeichnung nativ extra in Deutschland nur ein Mindeststandard für Olivenöle ist. Nach wie vor kaufen Verbraucher nativ extra-Öle in dem Glauben, sie hätten allein damit eine hohe Qualität, und dem ist eben in den meisten Fällen nicht so. Olivenöl ist innerhalb der EU nach wie vor das meist gepanschte und verfälschte Lebensmittel, und die Politik unternimmt nichts dagegen. Im Gegenteil: allgemeine Qualitätsanforderungen werden weiter gelockert. Das spielt natürlich insbesondere den Profitinteressen der Importeure und Händler in die Hände, die ihre Geschäfte mit großen Mengen billig angebotener Olivenöle machen. Wer beispielsweise im Discounter ein Olivenöl für weniger als drei Euro kauft, bekommt dafür nativ extra, kann aber keine hohe Qualität verlangen. Viele angeblich italienischen Olivenöle sind auch mit billig produzierten Ölen aus Spanien verschnitten. Genau diese meist politisch legitimierten Irreführungen der Verbraucher waren ja für uns ausschlaggebend, zait zu gründen und konsequent einen anderen Weg zu gehen.

K: Jetzt musst Du natürlich erzählen, was Ihr bezüglich der Qualität konkret anders macht.

T: Erst einmal ist es so: wenn Du die entscheidest, die Dinge bewusst anders und besser zu machen, musst Du das konsequent tun. Der Entschluss hat Auswirkungen auf das gesamte Unternehmenskonzept und sämtliche Arbeitsschritte. Bei uns beginnt die Qualitätssicherung damit, dass wir alle unsere Produzenten im Mittelmeerraum persönlich ausgesucht haben und inzwischen seit Jahren persönlich kennen. Ich bin jedes Jahr wieder bei all unseren Produzenten vor Ort, kenne ihre Betriebe genau und weiß, wie dort produziert wird. Jedes Jahr zur Olivenernte bzw. kurz danach fahre ich nach Italien, Spanien, Griechenland und Portugal, um Proben der frisch produzierten Öle zu ziehen und mich mit den Produzenten auszutauschen. Wieder zuhause, teste ich die Öle ein zweites Mal. Anschließend folgt der Test durch das Olivenöl-Panel (Prüfgruppe von professionellen Olivenölexperten), bei dem die einzelnen Öle natürlich anonymisiert sind. Wird auch dort die Qualität bestätigt, folgt als nächster Schritt die Kontrolle durch ein unabhängiges Labor, die wir für alle unsere Öle durchführen lassen. Nur wenn auch dort sämtliche Werte beste Qualität bestätigen, ordern wir die von uns benötigten Mengen bei den Produzenten. Um zu kontrollieren, dass das gelieferte Öl auch tatsächlich der getesteten Probe und Qualität entspricht, ziehe ich stets mehrere Proben, die von mir versiegelt werden. So können wir hier untersuchen, ob Übereinstimmung vorliegt, was übrigens in all den Jahren immer der Fall gewesen ist.

(kerstin döweler_inspiration lounge)

K: Das heißt aber, dass Du jedes Jahr sehr viel reisen musst, um Eurem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Wäre es nicht auch möglich, dass Ihr Euch von den Produzenten die verschiedenen Proben nach Deutschland schicken lasst?

T: Das wäre der konventionelle Weg. Wir sind aber davon überzeugt, dass das nicht reicht. Wenn du hervorragende Qualität haben willst, musst du dich intensiv darum kümmern. Der persönliche Kontakt zu den Produzenten ist dafür äußerst wichtig, auch wenn das wesentlich mehr Aufwand bedeutet. Übrigens gibt es dazu eine schöne Geschichte: Vor einigen Jahren besuchte ich die Cooperative Cabacés, unsere Produzenten in Katalonien. Ich zog Ölproben aus den Tanks und stellte schnell fest, dass das Öl aus einem der Tanks ganz klar die beste Qualität von allen Ölen aufwies. Natürlich wollte ich genau dieses Öl ordern, doch man sagte mir, es sei gar nicht zu verkaufen, da es für einen Wettbewerb bestimmt war. Nun sind wir seit Jahren gute Kunden der Cooperative, und deshalb beschloss der Geschäftsführer dann beim gemeinsamen Mittagessen spontan, dass wir dieses Öl doch bekommen. Wäre ich aber nicht dort gewesen und hätte mit ihm gesprochen, ich hätte von diesem Öl niemals erfahren. Sie hätten mir keine Probe davon geschickt, und das zeigt: du musst selbst vor Ort sein und mit den Menschen reden.

K: Gab es eigentlich auch schon den Fall, dass das Öl von einem Eurer Produzenten mal nicht Euren hohen Anforderung entsprochen und eine Kontrolle nicht bestanden hat?

T: Den Fall hatten wir leider unlängst. In dem sonst ausgezeichneten Öl unserer Produzentin aus Sizilien fanden wir eine zu hohe Konzentration an Weichmachern. Wir haben das Öl dieser Jahresernte daher nicht in unser Programm genommen und unseren Kunden auch gesagt, warum wir das tun. Wenn man sich hoher Qualität verpflichtet, ist diese bewusste Form der Transparenz aus unserer Sicht unerlässlich. Besonders schwierig an der zu hohen Konzentration von Weichmachern war die Tatsache, dass keiner genau sagen konnte, woher sie rührt. Die Produzentin hatte alles so wie in den Jahren zuvor gemacht, und wir fürchteten, dass die Weichmacherbelastung schlicht durch eine Luftverschmutzung aus unbekannter Quelle entstanden sein könnte. Dann hätte die Gefahr bestanden, dass sich die Weichmacherbelastung auch künftig fortsetzt und man nichts dagegen unternehmen kann.

Bei der neuen Ernte war ich jetzt vor Ort. Wir haben die Oliven gemeinsam zur Mühle gebracht, um die gesamten Herstellungsprozesse genau zu überwachen. Nach den ersten Proben zu urteilen, sind nun wieder sämtliche Werte in Ordnung, und wir haben alle aufgeatmet. Aber man sieht, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit ist, um auch solche Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Und es ist manchmal nicht ganz einfach, wenn man bedenkt, dass dabei Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und aus unterschiedlichen Kulturen zusammentreffen.

schöner, erhaltend, erweiternd_Entscheidungen (Teil 2)

(thomas fuhlrott im interview mit kerstin döweler)

K: Wie sehen Eure Produzenten denn generell Eure hohen Qualitätsanforderungen?

T: Unsere Produzenten haben sich, genau wie wir, ganz bewusst hoher Qualität verschrieben. Und es gibt für sie noch einen weiteren, entscheidenden Faktor: über die Jahre unserer Zusammenarbeit haben wir ihnen kontinuierlich bewiesen, dass sie mit zait einen sicheren Absatzmarkt haben. Ihre Olivenöle werden hier geschätzt und nachgefragt. Das ist natürlich ein großer Ansporn, auch künftig beste Qualität zu liefern. Ein Beispiel: Von unseren Produzenten der Cooperative Cabacés ordern wir seit Jahren neben ihrem sowieso ausgezeichneten Öl auch solches in Bio-Qualität und haben dafür einen festen Kundenkreis aufgebaut. Als ich die Cooperative Cabacés kürzlich besuchte, teilten sie mir mit, aufgrund unserer Nachfrage nach Bio-Öl hätten sie beschlossen, wesentlich größere Teile ihrer Anbauflächen auf komplett biologischen Anbau umzustellen. Es freut uns natürlich, dass wir durch unsere Tätigkeit den wesentlichen Impuls für diese Umstellung gegeben haben.

Jetzt stellt sich die Frage: werden sich künftig auch mehr unserer Kunden entschließen, das Öl in Bio-Qualität zu kaufen? Nur dann sind wir nämlich in der Lage, dauerhaft größere Mengen dieses Öls zu ordern und anzubieten. Man muss dazu wissen, dass die Produktion von Bio-Qualität allein aufgrund der noch aufwändigeren Anbaumethoden dazu führt, dass wir das Öl zwei Euro teurer anbieten müssen als das andere Öl der Cooperative Cabacés.

Wir werden unseren Kunden also detailliert erklären, welche Vorteile die Umstellung auf Bio-Anbau mit sich bringt und inwiefern die Anbau- und Produktionsmethoden mehr Aufwand bedeuten. Wahrschlich werden wir sogar eine Umfrage darüber machen, wie groß das Interesse an Bio-Qualität ist. Und dann liegt es an den Verbrauchern. Wir haben durch unser Handeln den Produzenten aufgezeigt, dass es Sinn hat, hohe Qualität in Einklang mit der Natur zu erzeugen und dies weiter auszubauen. Jetzt müssen die Kunden entscheiden, wie weit sie den Weg mitgehen.

K: Ich bin sehr gespannt, wie sich diese Geschichte weiterentwickelt, denn das ist ja eine sich heute permanent stellende Frage: sind wir wirklich bereit, für natürliche Produktionsmethoden und nachhaltige Vorgehensweisen mehr Kosten zu tragen, um dadurch zur Erhaltung der Umwelt beizutragen? Bitte halte uns auf jeden Fall auf dem Laufenden und vielen Dank für das Interview.

Rezept  PAPPA COL POMODORO ( Tomaten-Brot-Suppe)

Für 4 Personen

200g Weißbrot | 6 EL Olivenöl | 2 Knoblauchzehen | 400 g geschälte Tomaten | 300 – 400 ml Wasser | 1/2 El Tomatenmark | 1 EL gehackter Majoran | Salz, Pfeffer | 100 gr geriebener Pecorino |

(Brot, Tomaten, Knoblauch schneiden)

(2 Esslöffel Öl in Topf geben, Knoblauch bei mittlerer Hitze goldgelb anbraten, danach aus dem Öl nehmen | Tomaten in kleine Würfel schneiden + zusammen mit etwa 3/4 des Wassers, dem Tomatenmark, dem gehackten Majoran und dem Salz im gleichen Topf aufkochen)


 

(Brotwürfel dazugeben, Suppe unter häufigen Rühren weiterkochen, bis das Brot aufgeweicht ist. Mit Gabel etwas zerpflücken. Die Suppe soll recht dickflüssig sein.)

(Suppe in die Teller geben, mit schwarzem Pfeffer, Olivenöl und Pecorino bei Tisch servieren)

(fertig.)

schöner, erhaltend, erweiternd – das Finanzierungsmodell_I

(Kerstin Döweler im Gespräch mit Thomas Fuhlrott | Entrepreneurship Summit 2011, Berlin)

Beim Entrepreneurship Summit in Berlin trafen sich auch in diesem Jahr wieder viele kreative Unternehmer zu einem Austausch über Ideen und Vorgehensweisen bei der Realisierung ihrer Unternehmensgründungen. Kernfrage der über 1500 interessierten Besucher: eine gute Unternehmensidee finden, ein Unternehmen erfolgreich aufbauen und damit gleichzeitig zum nachhaltigen Wandel in Richtung einer Ökonomie beitragen, die über das rein Wirtschaftliche hinausgeht – wie kann das konkret aussehen?

Unser Projektpartner Thomas Fuhlrott gab darauf im Rahmen gleich mehrerer Veranstaltungen Antworten aus seinem eigenen Erfahrungsschatz. Auf ganz besondere Aufmerksamkeit traf dabei die Darstellung über sein Finanzierungsmodell, das er vor zehn Jahren für die Gründung seines Unternehmens Zait entwickelte.

(workshop mit Thomas Fuhlrott)

Da auch wir immer wieder großes Interesse bemerken, sobald wir hier in unserem Umfeld über das Finanzierungsmodell von Zait sprechen, stellten wir fest: höchste Zeit, ein Interview mit Thomas Fuhlrott darüber zu machen. Gesagt, getan.

Kerstin: Thomas, warum brauchte es bei der Gründung von Zait eine besondere Finanzierungsidee?

Thomas: Bei den meisten Unternehmensgründungen gibt es ja einen Kapitalbedarf, um die Idee, das Unternehmenskonzept realisieren zu können und an den Markt zu gehen. Unsere Idee bei Zait war, erstklassiges, streng kontrolliertes Olivenöl hier in Deutschland auf eine andere als bis dahin für Olivenöl übliche Art zu handeln – nämlich basierend auf der Idee des Jahresvorrats. Direkt nach der Olivenernte und der Ölerzeugung durch unsere Produzenten in Italien, Spanien, Griechenland und Portugal holen wir das Öl hierher. Unsere Kunden bestellen ihren Jahresvorrat Olivenöl vorwiegend genau zu diesem Zeitpunkt, d.h., eine große Menge des Öls verkaufen wir direkt nachdem es hier eingetroffen ist. Dadurch brauchen wir nicht das ganze Jahr größere Lager- oder Verkaufsflächen. Für uns ein Kostenvorteil, den wir als Preisvorteil an unsere Kunden weitergeben.

Da ich damals auch schon als Gründungsberater tätig war, wusste ich, dass die Chancen für eine Gründungsfinanzierung des Unternehmens durch eine Bank gleich Null standen – obwohl das Geschäftskonzept absolut rund war. Ich habe es aus Neugier trotzdem versucht, natürlich mit ausgearbeitetem Business-Plan. Das Ergebnis entsprach komplett meinen Erwartungen. Bereich Einzelhandel, Olivenöl mit einem dafür neuen Handelskonzept – viel zu risikoreich aus Sicht der Banken. Wir brauchten aber das Startkapital, um die erste Menge Olivenöl ankaufen und hierher bringen zu lassen.

Kerstin: Wie bist Du also vorgegangen, um das Startkapital zu bekommen?

Thomas: Wir haben uns auf etwas besonnen, was eigentlich ganz logisch erscheint: wir haben das Geschäftskonzept Freunden und Bekannten im Detail vorgestellt, unsere Situation erklärt und gefragt, wer bereit ist, uns Geld für den ersten Ankauf von Olivenöl zu leihen. Ich sage »eigentlich logisch«, weil es tatsächlich nahe liegen müsste. Wenn ich darüber erzähle, stelle ich aber immer wieder fest, dass viele Menschen offensichtlich weniger Probleme damit haben, einen Banker um Geld zu bitten als den eigenen Freundeskreis. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir hier so sehr auf Individualismus und Autarkie eingeschworen sind, dass es uns schwer fällt, unser soziales Umfeld um Hilfe zu bitten. Eventuell noch den engsten Familienkreis, aber Freunde? Und dann auch noch um Geld, wo doch gerade da sprichwörtlich die Freundschaft aufhört. Das gibt vielen offensichtlich ein ungutes Gefühl.

(Zwischen den Impulsvorträgen)

Kerstin: Und Ihr habt es trotz aller gegenteiligen Redensarten gewagt. Fiel es denn schwer?

Thomas: Nein, und zwar deshalb, weil wir unser Unternehmenskonzept bis zu Ende gedacht hatten. Es war rund, wir waren und sind komplett davon überzeugt. Dadurch konnten wir auch andere davon überzeugen, dass wir eine gute Idee am Start haben. Noch dazu: Erstklassiges Olivenöl nach Deutschland zu holen und es unter strengen Qualitätskontrollen zu handeln – gerade das Lebensmittel, das innerhalb der EU am häufigsten gepanscht und verfälscht angeboten wird – das haben auch vor zehn Jahren viele zügig als gutes Konzept und Ziel begriffen. Damals gab es ja auch schon jede Menge Lebensmittelskandale, Ernährung war auch da ein Thema. Die Menschen, die wir um Geld fragten, haben unser Engagement gespürt, im Bereich Olivenölhandel einen neuen, nachhaltigen und qualitativ besseren Weg zu gehen, der auf den Grundwerten schöner, erhaltend und erweiternd fußt. Und natürlich hatten wir uns auch das Finanzierungsmodell genau überlegt und bis ins Detail durchkalkuliert, welche Zinsen wir vernünftigerweise an die Geldgeber aufgrund unserer Olivenölverkaufserlöse auszahlen können.

Kerstin: Haben dann von Anfang an viele mitgemacht?

Thomas: Wie das zu Anfang so ist, einige Freunde, besonders diejenigen, die uns lange gut kannten, waren schneller dabei. Andere blieben erst mal skeptisch, waren aber dann überzeugt, als sie nach einiger Zeit klar gesehen haben, dass unser Geschäftskonzept mitsamt unserem Finanzierungsmodell gut funktioniert. Heute sind zahlreiche Geldgeber bereits langjährig dabei. Teilweise bieten uns heute pro Jahr sogar so viele Menschen Geld für den Ölankauf an, dass wir Absagen erteilen müssen, weil wir gar nicht so viel Geld brauchen. Wir nehmen kein Geld an, dass wir nicht für den Ölankauf bei unseren Produzenten benötigen. Und Geld nur anzunehmen, um es für andere anzulegen, ohne es in unsere notwendigen Unternehmensabläufe einzubinden – das ergibt für uns keinen Sinn.

Kerstin: Das klingt alles sehr gut. Jetzt will ich natürlich auch wissen, wie das Finanzierungsmodell konkret aussieht.

Thomas: In all den Jahren funktioniert es nach dem gleichen Konzept: Du leihst uns Geld für den Ölankauf, eine Summe ab 5000,- Euro. Nach einem Jahr erhältst Du den Betrag zurück, plus 6 % Zinsen und einem Geschenk aus dem Hause Zait. Geregelt sind diese Konditionen alle übersichtlich und schwarz auf weiß in einem Darlehensvertrag, den Du mit Zait abschließt. Wie schon gesagt, innerhalb von zehn Jahren haben wir alle Darlehensverträge stets erfüllt. Für den Fall, dass Zait einmal die Vertragsverpflichtung tatsächlich nicht einhalten könnte, beispielsweise weil mir etwas Unvorhergesehenes passiert und ich nicht wie gewohnt arbeiten kann, haften laut Vertrag ich und meine Geschäftspartnerin auch persönlich für die Vertragseinhaltung.

Interview mit Thomas Fuhlrott

schöner, erhaltend, erweiternd – das Finanzierungsmodell_II

(Das Finanzierungs-Interview_Kerstin Döweler | Thomas Fuhlrott)

Kerstin: Ihr blickt ja heute auf über zehn erfolgreiche Jahre zurück. Aber wie war das denn im ersten Jahr? Ihr brauchtet Startkapital für das Öl, hattet Zinsen und Ölpreise kalkuliert, aber wusstet ja nicht, ob auch wirklich viele Kunden Öl bei Euch kaufen werden. Wie seid Ihr denn mit diesem Risiko umgegangen bzw. was wäre passiert, wenn Ihr zu wenig Öl verkauft hättet?

Thomas: Auch das hatten wir natürlich mitbedacht. Die von uns angekaufte Ölmenge war damals noch nicht so groß. Hätten wir zu wenig davon verkauft, hätten wir das geliehene Geld aus der eigenen Tasche aufbringen müssen. Weil die Geldbeträge nicht so hoch waren, hätte das auch funktioniert. Allerdings wären wir damit wahrscheinlich damals länger als ein Jahr beschäftigt gewesen. Darüber waren unsere Geldgeber genau informiert. Der Fall ist aber nicht eingetreten, weil wir die zu verkaufenden Ölmengen von Anfang an gut, d.h. realistisch kalkuliert haben. Es ist eben auch wichtig, sich nicht zu überschätzen.

Kerstin: Du sagtest vorhin, Freunde, denen Du das Zait-Konzept vorgestellt hast, hätten Dein Engagement gespürt, dem Olivenölhandel neue, positive Impulse zu geben. Inwieweit war und ist denn Euer Ansatz, neue Impulse für die Ökonomie und speziell den Olivenölhandel zu geben, grundlegend für das gute Funktionieren des Finanzierungsmodells gewesen?

Thomas: Unsere Ausrichtung von Zait war und ist ganz wesentlich für den Erfolg. Unsere Ideen und unser gesamtes Konzept beruhen eben nicht auf einem üblichen Marketingkalkül nach dem Motto: wie machen alles wie andere auch, müssen dabei aber irgendwie auffallen. Es ging uns im Gegenteil von Anfang an darum, die Art, in der konventionell Olivenöl gehandelt wird, kritisch zu hinterfragen, Missstände zu erkennen sowie die Dinge, die schlecht sind und einen selbst ärgern, anders und gut zu machen. Im Olivenölhandel gab und gibt es eine Notwendigkeit für mehr Qualitätskontrollen, mehr Transparenz für die Verbraucher und überhaupt für bessere Qualität. Nativ Extra ist auf dem deutschen Markt nur ein Mindestqualitätsstandard. Das wissen die meisten Verbraucher gar nicht und kaufen solches Öl oft viel zu teuer ein. Daher war unser Ziel, hochwertiges und streng kontrolliertes Olivenöl zu vernünftigen Preisen auf den deutschen Markt zu bringen. Vernünftig heißt dabei vor allem, die Produzenten für ihre hochwertige Arbeit angemessen bezahlen zu können, so dass sie auch weiterhin besondere Qualität auf ökologisch sinnvolle Weise produzieren werden. Es heißt auch, strenge Qualitätskontrollen von unabhängigen Laboren durchführen lassen zu können, auch wenn wir dazu nicht gesetzlich verpflichtet sind. Wir wollen das so, weil dadurch beste Qualität gewährleistet wird.

Die Leute, und damit meine ich auch unsere Geldgeber, haben das verstanden und finden gut, dass wir diesen Weg gehen. Sie merken, dass es uns wichtig ist. Dass es uns um mehr geht als den Profit, das rein Wirtschaftliche, nämlich um sinnvolle, nachhaltige Vorgehensweisen mit dem Blick auf alle Aspekte des Handels, der Qualität, der Zusammenarbeit mit unseren Produzenten, des Umgangs mit Ressourcen und des Miteinander leben und arbeiten an sich. Es geht uns darum, neue Potenziale aufzuzeigen, wie wir heute und in Zukunft vernünftig wirtschaften können, d.h. in Einklang mit Mensch und Umwelt qualitativ Ökonomie betreiben. Ohne Ökonomie wird es nämlich nicht gehen, aber die Art, in der wir Ökonomie betreiben, muss sich angesichts der heutigen sozialen und ökologischen Verwerfungen dringend ändern. Es wird uns nichts bringen, dabei auf andere zu warten. Wir müssen selbst aktiv werden, und genau das ist für uns bei Zait wesentlicher Antrieb.

Hätte ich dagegen ein Konzept präsentiert, dass mich einfach so schnell wie möglich reich macht, völlig egal mit was, es ginge mir nur um Geld – keiner meiner Freunde oder Bekannten hätte mir Geld geliehen, da bin ich absolut sicher. Die hätten gedacht: warum soll ich Thomas unterstützen? Damit er schnell reich wird? Ich glaube, der spinnt.

Kerstin: Zum Abschluss noch die Frage, zu welchem Zeitpunkt im Jahr Ihr das Geld von den Geldgebern braucht.

Thomas: Das ist regelmäßig zu Anfang eines Jahres, damit wir dann das von unseren Produzenten aus der aktuellen Ernte hergestellte Olivenöl frisch einkaufen und hier anbieten können. Für alle, die für uns Geldgeber sein wollen, heißt das: bald ist es wieder soweit. Wer Interesse hat, sollte sich  bei uns melden.

Kerstin: Gut, dann haben wir jetzt alle wichtigen Fakten besprochen, oder fehlt noch was?

Thomas: Ja, eine Sache möchte ich zum Abschluss gerne noch sagen. Ich kann Gründern nur raten, bei Bedarf ebenfalls eine solche Art von Finanzierungsmodell für sich zu erarbeiten, schon weil es eine bestimmte Unabhängigkeit von Banken mit sich bringt. Überhaupt ist es hilfreich, das eigene Unternehmenskonzept den Freunden und der eigenen Familie vorzustellen. Die Erfahrung zeigt: Wenn du diese Menschen überzeugst, dann helfen sie dir auch. Es ist außerdem ein wunderbarer Test. Wenn du nämlich nicht einmal diese dir nahe stehenden, zugewandten Menschen von deinem Konzept überzeugen kannst, wie willst du erst andere Menschen für das Vorhaben gewinnen?

Kerstin: Thomas, vielen Dank für das Interview.

Zum krönenden Abschluss des Artikels haben wir auch dieses Mal natürlich ein Rezept für einen einfach herzustellenden Leckerbissen mit Zait-Olivenöl.

Weichen Ziegen- oder Schafskäse, Majoran, Kräuter der Provence oder nach Belieben andere Kräuter und Pfeffer mit der Gabel musen

und so viel Öl hinzugeben, bis eine cremige Masse entsteht.

Sehr lecker auf Weißbrot.

Interview | Part I| ProjektPartner

schöner, erhaltend, erweiternd_ teil 1.

Als wir im April Thomas Fuhlrott, den Gründer des Unternehmens zait interviewten, stellten wir fest, dass wir mit ihm in vielen Punkten unserer Haltung über notwendigen ökonomischen und kulturellen Wandel übereinstimmen. Wir trafen auf einen Menschen, der dem Bereich Ökonomie, speziell dem Handel, mit seinen Ideen, Konzepten und Wegen zahlreiche neue Impulse gibt. Wir sind der Auffassung, dass diese Impulse wesentliche Grundlagen für positive Entwicklungen und Veränderungen unternehmerischer Denk- und Vorgehensweisen sind und noch mehr wahrgenommen werden müssen. Im Rahmen der Inspiration Lounge werden wir sie daher ab heute unter dem Aspekt schöner, erhaltend, erweiternd eingehender beleuchten.

(thomas Fuhlrott_ zait | kerstin döweler _inspiration lounge)

In unserem ersten Gespräch sprach Thomas Fuhlrott davon, dass ihn Gedanken und Äußerungen von John Ruskin bei der Gründung von zait wesentlich beeinflussten. Darüber wollen wir heute mehr erfahren:

K: Thomas, erzähl doch mal genauer über John Ruskin und wodurch er Euch bei zait beeinflusst hat.

T: John Ruskin war ein englischer Schriftsteller, Kunsthistoriker und Sozialreformer. Er wurde 1819 geboren und hat damit die Industrialisierung in England als Zeitgenosse erlebt. Durch seine Beobachtungen kam er schon früh dazu, Fehlentwicklungen aufzuzeigen, mit denen wir uns heute nicht nur immer noch beschäftigen, sondern teils auch denken, es handele sich vorwiegend um zeitgenössische Probleme. Dazu gehört die zunehmende Zerstörung von Natur durch den Menschen. Auch die rein utilitaristische Ausrichtung einer Wirtschaftspolitik, die fördert, was dem Profit dient, während sie immer größere soziale Ungleichheiten entstehen lässt.

Ruskin hat sich genauso auch Gedanken über einzelne Aspekte von Wirtschaft und unternehmerischem Handeln gemacht. Bei der Gründung von zait hat uns beispielsweise beeinflusst, was er über die Qualität von Produkten dachte: »Ein Produkt ist nur dann gut, wenn es die Welt schöner macht, wenn es sie erhält und erweitert. Es ist nicht allein deshalb gut, weil es sich gut verkauft.«

K: Man merkt, wie aktuell das ist. Heute wird ja sehr oft »gut« mit »verkauft sich gut« gleichgesetzt. Und wenn doch Zweifel an der Qualität einer Sache vorliegen, kommt gerne einer meiner Lieblingssätze: »aber der Erfolg gibt ihr/ihm recht.«

(thomas fuhlrott)

K: Wie habt Ihr denn diese Werte »schöner, erhaltend und erweiternd« bei zait umgesetzt?

T: Das beginnt mit der Qualität der Olivenöle, die wir permanent kontrollieren lassen. Die Bezeichnung nativ extra ist zunächst mal nur ein Mindeststandard, den Olivenöle bei uns auf dem deutschen Markt erfüllen müssen. Das wissen viele Menschen nicht. Wir dagegen arbeiten nur mit erstklassigen Olivenölproduzenten aus Italien, Spanien, Griechenland und Portugal. Jedes Jahr sind wir dort vor Ort. Wir lassen die für uns produzierten Öle permanent von unabhängigen Laboren analysieren. Sollte die Qualität einmal nicht unseren hohen Anforderungen entsprechen, nehmen wir das Öl dieser Ernte aus dem Programm. Und: wir machen die Analysen transparent. Jeder Kunde bei zait weiß daher genau, was er kauft. So machen wir hier gesunde Olivenöle in Qualität und Geschmack zugänglich, wie sie in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern sehr selten sind. Damit setzen wir uns gleichzeitig dafür ein, dass unsere Produzenten ihre besondere Qualität weiter herstellen können. Dass sie auch künftig ökologisch sinnvoll anbauen können und dass solche Olivenhaine in ihren Ursprungsländern erhalten bleiben. Im Rahmen unserer Olivenölfeste bringen wir unsere Produzenten außerdem mit unseren Kunden und vielen interessierten Menschen hier vor Ort zusammen. So stellen wir Austausch her, der auch wieder Transparenz schafft und den wir bei unseren Festen immer auch mit Kunst, Musik und gemeinsamen Essen verbinden. Es geht schließlich um Kreativität, Qualität und Lebensfreude insgesamt. »Schöner, erhaltend und erweiternd« gilt für uns darüber hinaus in Bezug auf sämtliche unternehmerische Aspekte. Wir wollen auf allen Ebenen andere Wege zeigen als diejenigen, in denen Wirtschaft heute gemeinhin gedacht wird.

(Ende Teil 1. Fortsetzung folgt)

thomas fuhlrott_interview | zait.de |

schöner, erhaltend, erweiternd_teil 2.

(interview mit thomas fuhlrott_zait | kerstin döweler_inspiration lounge, teil 2)

K: Erfordert Eure Vorgehensweise bei den Verbrauchern nicht auch ein besonderes Bewusstsein? Es herrscht ja doch eben die Auffassung über gute Produkte, die Ruskin gerade ablehnte. Dazu kommt, dass am Markt ja oft gerade Produkte Erfolg haben, die billig sind, weil wir zu unglaublichen Schnäppchenjägern getrimmt wurden. Qualität ist da, denke ich, zweitrangig.

T: Es ist schon so, dass für die Auffassung von guten Produkten und die Grundwerte schöner, erhaltend, erweiternd ein Bewusstsein vorhanden sein muss. Genau das steckt ja auch in dem aktuellen Begriff strategischer Konsum, bei dem durch die Kaufentscheidung gute Produkte und ihre Produzenten unterstützt werden und so Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft geleistet werden. Das Bewusstsein ist dadurch auch eine Hürde, weil der Verbraucher von diesen Produkten zuerst einmal wissen muss, sich mit der gesamten Situation beschäftigen und sich entscheiden muss, dass es ihm wichtig ist, zu einer positiven Entwicklung der entsprechenden Unternehmen beizutragen.

Für Unternehmen wie zait stellen sich so mehrere Herausforderungen. Die Menschen müssen diese Unternehmen kennen lernen. Doch gerade zu Anfang sind die Budgets für Marketingmaßnahmen sehr klein. Das führt oft dazu, dass die Unternehmen länger brauchen, um einen größeren Bekanntheitsgrad aufzubauen. Man findet sie natürlich, gerade auch im Internet, aber man muss oft etwas länger danach forschen. Die Menschen sind aber überwiegend gewöhnt, Dinge des täglichen Lebens schnell und im Supermarkt um die Ecke zu kaufen.

K: Stimmt, wir sind bequem und glauben oft, dort eigentlich alles in großer Auswahl zu finden. Dabei findet man Unternehmen wie zait dort gerade nicht.

T: Es geht weiter mit der Frage: habe ich mich damit beschäftigt, warum ein Produkt gut im Sinne von Ruskin ist und entscheide ich mich dafür? Ich denke, die meisten wissen heute Bescheid über Produkte, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und Schädigungen der Umwelt hergestellt werden. Sie wissen, wie wichtig es ist, sich darum zu kümmern und dass sich nichts ändern wird, wenn nicht wir unser Verhalten ändern. Allerdings: ist das dann auch beim Einkauf immer präsent oder greift man da nicht lieber doch zu etwas, was gerade herumsteht?


(kerstin döweler im gespräch mit thomas fuhlrott)

K: In dem Zusammenhang habe ich übrigens auch schon oft den Satz gehört: »Nachhaltige, gute Produkte muss man sich erst mal leisten können.«

T: Das kenne ich. Ich denke aber, dass es gerade hier bei uns für viele kein Problem wäre. Es hat nur mit Umdenken und einfachen Verhaltensänderungen zu tun. Warum eigentlich nicht lieber gesünder, besser und besser ausgewählt statt den Drang zu großen Mengen billig produzierter Ware in oft fragwürdiger Qualität? »Billig produziert« ja auch zu hinterfragen. Oft bedeutet es, dass dadurch soziale und ökologische Schäden verursacht werden, die sich nicht direkt im Preis der Ware niederschlagen. Die Eindämmung dieser Schäden kostet aber mittel-bis langfristig enorme Summen, die auf die Allgemeinheit umgelegt werden. D.h., wir tragen sie alle. Damit stellt sich doch die Frage des »das muss man sich erst mal leisten können« in einem ganz anderen Kontext.

K: In diesem Zusammenhang, ich mache bei unserem Projekt »kreativ bewegen« gerade selbst die Erfahrung einer Umstellung auf andere, gesündere und bessere Lebensmittel. Man bemerkt tatsächlich schnell, dass man anders einkaufen muss. Wenn man den Einkauf aber richtig zusammenstellt und überlegt, was man sonst immer gekauft hat, aber eigentlich gar nicht braucht, muss es nicht unbedingt teurer werden. Und wenn es etwas teurer ist, hat man bei richtiger Auswahl auch den besseren Geschmack. Das ist ja auch wichtig.

(Ende Teil 2. Fortsetzung folgt.)

zu Teil 1

thomas fuhlrott_interview | zait.de |

schöner, erhaltend, erweiternd_teil 3.

(interview mit thomas fuhlrott_zait | kerstin döweler_inspiration lounge, teil 3)

K: Zur nächsten Frage: Ist es denn vorstellbar, dass sich an dieser von Dir erwähnten Hürde etwas ändert? Dass Menschen einfach gute Produkte im Sinne von Ruskin bevorzugen, auch ohne ausgeprägtes Bewusstsein dafür?

T: Wir haben bei zait natürlich Kunden, die unsere Öle kaufen, weil sie ihnen einfach gut schmecken und gesund sind. Auch insgesamt betrachtet wäre eine niedrigere Hürde ein wichtiger Schritt, um die Nachfrage zu verbreitern und die Weiterentwicklung entsprechender Unternehmen zu ermöglichen. Das würde auch heißen, diese Art ökonomischen Handelns auch für diejenigen interessanter zu machen, die heute beispielsweise noch auf Produktionen unter Verursachung sozialer und ökologischer Missstände setzen. Allerdings müssen dorthin noch Wege entwickelt werden, die bisher in größerem Umfang nicht zu sehen sind.

K: Aber auch in den Personenkreisen, die schon ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Grundwerte »schöner, erhaltend und erweiternd« haben, könnten doch sicher noch mehr Menschen erreicht werden?

T: Ja, stimmt. Dann muss aber mehr dafür getan werden, dass man die Unternehmen schneller finden kann, die nach diesen Wertmaßgaben arbeiten und neue, andere Impulse innerhalb ökonomischer Strukturen setzen. Hinzu kommen andere Fragen der Erreichbarkeit. Ein Beispiel: Sicher ist es gut, wenn jetzt bei Euch in Köln mehr Bio-Höfe am Rande der Stadt ihre Produkte auf dem eigenen Hof verkaufen. Das ist ein neues Angebot, gute Produkte dort zu bekomen, wo es auch Transparenz und den Kontakt zum Produzenten gibt. Doch es ist klar, dass nicht jeder Stadtbewohner raus auf die Bio-Höfe fahren kann. Viele werden das auch in Zukunft nicht tun, schon weil sie daran gewöhnt sind, zum Einkaufen in die Stadt oder nur um die nächste Ecke zu gehen. Die Frage ist daher, wie auch innerhalb der Städte Standorte aufgebaut werden können, die es leichter machen, gute Produkte kennen zu lernen, auszuprobieren und auch im Alltag einfach zu erreichen und einzukaufen. Eines ist doch sicher: es wird diese Produkte nicht mal schnell in den herkömmlichen Supermärkten geben. Dort dominiert die Lebensmittelindustrie.

K: Weil wir gerade bei Weiterentwicklungsmöglichkeiten sind: wie sieht es denn für Unternehmen aus, die sich wie zait den Grundwerten »schöner, erhaltend und erweiternd« verpflichten? Der Begriff der Grenzen des Wachstums ist ja heute einerseits aktuell, während Politik und Wirtschaft immer noch das permanente Wachstum beschwören.

T: Bei uns und auch anderen Unternehmen, die ich kenne, sind die Möglichkeiten zu wachsen klar begrenzt. Auch das hängt wieder mit den Grundwerten »schöner, erhaltend und erweiternd« zusammen. Wir können nicht immer größere Mengen Olivenöl handeln, schon weil es Zeit und Aufwand bedeutet, Olivenöl in ausgezeichneter Qualität zu produzieren. Wollten wir innerhalb kurzer Zeit viel größere Mengen verkaufen, würde die Qualität leiden. Vieles, was wir heute tun, wofür wir uns engagieren, könnten wir so nicht mehr machen. Und das wollen wir nicht.

K: Ich merke deutlich, wir Verbraucher sollten uns auf folgende Dinge einstellen: wenn wir gute Produkte haben wollen, müssen wir, jedenfalls noch momentan, eingehender danach forschen, wer diese Produkte anbietet. Es kann ja auch richtig Spaß machen, solche Menschen und Produkte zu entdecken und die Entdeckungen mit anderen auszutauschen, statt immer auf denselben Wegen in dieselben Supermärkte zu gehen.

Und was die Definition von »erfolgreich« am Markt angeht, wäre wohl ebenfalls ein Perspektivenwechsel fällig. Neue Impulse, die Einhaltung wichtiger Grundwerte und daran orientiertes Wachstum statt immer nur mehr verkaufen und immer größer werden um jeden Preis. Es wird ja immer deutlicher, wohin uns diese altbekannte Auffassung von Erfolg gebracht hat und bringen kann.

T: Das sehe ich auch so.

K: Thomas, vielen Dank für das Interview.

Zum Interview, wie versprochen, hier das von uns erprobte Rezept für einen wunderbaren, einfach herzustellenden Appetizer oder gleich eine ganze Mahlzeit.

REZEPT

Sehr lecker auf geröstetem Weissbrot ist diese Tomatenpaste mit Knoblauch.


Dazu reibt man frische Tomaten mit einer Handreibe


oder entsprechenden Einsatz im Mixer oder verwendet wie wir einen Pürierstab.


Dem Tomatenbrei gibt man ein Drittel zait-Olivenöl aus Katalonien zu und würzt das Ganze nach Belieben mit Knoblauch aus der Presse, Salz und Pfeffer.

Guten Appetit!

thomas fuhlrott_interview | zait.de |

Das Restreale

Es beginnt harmlos. Eine Prozession irgendwo in einer ländlichen asiatischen Region. Geschmückte Wagen werden gezogen, Menschenmassen schieben sich langsam aneinander vorbei. Auffallend viele Motorradfahrer scheinen unterwegs zu sein. Dicht vermummt stehen sie am Straßenrand. Ruhig fängt die Kamera die Situation ein. Plötzlich ändert sich alles. Die ersten Explosionen. Feuerstrahlen schießen aus den gezogenen Wagen. Erst vereinzelt, dann mit einer unglaublichen Intensität. Dann herrscht Chaos. Flammen und Geschosse, ähnlich einer Stalinorgel, prasseln auf die Menschen ein. Sie drängen sich aneinander, stieben teils wieder auseinander, werden getroffen, straucheln, stehen wieder auf, sind eingehüllt in einer Wand aus Feuer und Rauch.

(Filmausschnitt Maix Mayer: Die Urbanisten, 2009)

Was sich wie ein Attentat- oder Untergangsszenario anhört, ist in Wirklichkeit das traditionelle Neujahrsfest in Taiwan. Die mit Motorradhelmen und jeglicher Art von Schutzkleidung umhüllte Menschen lassen sich mit Absicht von den Feuerwerkskörpern treffen, laufen bewusst in diese hinein, da dieses Ritual Glück und Reichtum verspricht. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei, das Licht geht an. Die Leute um mich herum kommen aus dem Staunen nicht heraus. Thomas Fuhlrott lächelt zufrieden. Wir befinden uns nicht irgendwo in einer hippen Aktionsgalerie in Berlin, sondern mitten in einem Gewerbegebiet in Grünstadt an der Deutschen Weinstraße. Was wir gerade sahen, war die Videoinstallation »Das Restreale« des Leipziger Künstlers Maix Mayer.

Später unterhalten wir uns mit Thomas Fuhlrott, Hauptinitiator dieser Ausstellung bzw. Film- und Video Lounge im Didier-Gebäude.

Was hat uns an der Ausstellung fasziniert? Natürlich die gezeigten Filminstallationen von Maix Mayer, der momentan auch im Arp Museum ausstellt.

Ebenfalls besonders erwähnenswert: Thomas Fuhlrott ist kein Galerist oder Künstler. Er ist Gründer des Unternehmens zait und handelt mit Olivenöl. Zu diesem Zweck hat er nicht nur ein besonderes Konzept entwickelt. Er legt Wert darauf, wirtschaftliches Handeln stetig mit kultureller Tätigkeit zu verknüpfen, um konsequent über das Wirtschaftliche hinauszudenken. Dabei geht es darum, Ideen auf die eigene Weise zu verwirklichen, weil einem viel daran liegt. Zum Beispiel weil man, wie in diesem Fall, von der Arbeit eines Künstlers persönlich begeistert ist, diese Begeisterung mit den Menschen im eigenen Umfeld teilen will und daher den Künstler an einen Ort holt, welcher mit Ausstellungen dieser Art nicht verwöhnt ist. Es geht auch darum, dafür Aufwand und eigene Mittel zu leisten, auch wenn man kein Großunternehmen mit gut ausgestatteter Kulturstiftung ist. »Wenn es mir wichtig ist, dann muss ich eine Sache doch realisieren und muss mir eben auch überlegen, wie ich das mit meinen Mitteln schaffe. Nichts ist blöder, als der Satz: man müsste mal…, und dann passiert nichts, weil alle warten, bis jemand mit viel Geld kommt und das Ganze in die Hand nimmt. Wie oft passiert das? Und offen gesagt: viele von uns hätten doch einige Möglichkeiten, gute Ideen zu realisieren. Man ist oft zu sehr daran gewöhnt, sich irgendwie auf andere zu verlassen oder zu sagen: das schaffe ich nicht. Aber so hätte ich Maix Mayer niemals nach Grünstadt gekriegt.«

Da bleibt bis auf zwei Fragen nichts hinzuzufügen: Da Grünstadt eigentlich überall ist, wer ist für uns, wer ist für euch Maix Mayer? Welche Idee ist unsere, welche ist eure Ausstellung?

Interview mit Thomas Fuhlrott

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»Wir wollen Denkgewohnheiten hinterfragen, wir wollen andere Impulse geben.«

Immer wieder stellen wir in der Inspiration Lounge Menschen vor, die interessante Ideen entwickeln und umsetzen. Immer wieder freuen wir uns daher, wenn wir bei unserer Recherche Leuten begegnen, die neue Denk- und Vorgehensweisen auf den Weg bringen.

Ende der neunziger Jahre war Thomas Fuhlrott, gelernter Graphik-Designer, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit zu einer Studie über Olivenöl in allen europäischen Ländern. Wichtiges Ergebnis der Studie: es gibt nur äußerst wenig gute Qualität. Die Europäische Union veröffentlichte dementsprechend einen Zeitungsartikel darüber, dass Olivenöl das am meisten verfälschte, gepanschte und falsch deklarierte Lebensmittel im gesamten EU-Bereich sei.

Dies war für Thomas Fuhlrott ausschlaggebend: gemeinsam mit Tina Ottmann gründete er vor zehn Jahren das Unternehmen zait, um in Deutschland hochwertiges Olivenöl zu handeln. Von Anfang an wollten sie dafür nicht die Richtung einschlagen, an die man schnell denkt: der gestylte Feinkostladen mit einem Sortiment Olivenöl, abgefüllt in üblichen, kleinen Designflaschen. Thomas Fuhlrott und Tina Ottmann wollten die Dinge anders machen und damit Potenziale des Möglichen aufzeigen. So begann das Hinterfragen bisher existenter Formen des Handels mit Olivenöl. Ausgangspunkt war dabei, logisch, das Produkt selbst.

Thomas Fuhlrott machte sich auf die Suche nach Produzenten im Mittelmeerraum, die sich der Produktion von Olivenöl in kontinuierlich hoher Qualität verschrieben haben. Doch wie sollte das Olivenöl von dort an die Endverbraucher gebracht werden? Wo waren sinnvoll Kosten einzusparen, um ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis bieten zu können. Und nicht nur das. »Denkgewohnheiten hinterfragen, andere Impulse geben – das gilt für uns hinsichtlich unserem Handel mit Olivenöl genau wie für zahlreiche kulturelle Aspekte. Wir wollen diese Dinge miteinander verknüpfen. Es war uns daher wichtig, neben dem Produkt Olivenöl auch die Kultur des Mittelmeerraumes und der Mittelmeerküche zu vermitteln sowie generell Fragen danach aufzuwerfen, wie wir in unserer Kultur eigentlich mit unserem Essen, unseren Lebensmitteln, mit uns selbst und miteinander umgehen.«

Entstanden ist ein Konzept, das sich bis heute bewährt. Im Mittelpunkt das Olivenöl: eigens entwickelte Qualitätsstandards, ständige, transparente Kontrollen und persönlicher Kontakt zu allen Produzenten sorgen bei zait für kontinuierliche Qualität. Auf durchgestylte Geschäftsräume wird bewusst verzichtet. Da Oliven nur ein Mal im Jahr geerntet und zu Öl verarbeitet werden, entwickelten Thomas Fuhlrott und Tina Ottmann die Idee des Olivenöl-Jahresvorrats, Grundlage für ein dauerhaft gutes Preis-Leistungsvehältnis.

Auch die bereits genannten kulturellen Aspekte wurden von Beginn an verknüpft. So veranstaltet zait beispielsweise jedes Jahr ein Olivenölfest. Dort wird das Öl nicht nur verkostet, es wird auch exquisit damit gekocht. Es gibt eine von zait organisierte Ausstellung. Die Olivenölproduzenten kommen, und auch zahlreiche andere Leute werden eingeladen, um sich und ihre Arbeit im Rahmen des Festes vorzustellen. »Wir finden es wichtig, all diese Leute zusammen- und in Austausch zu bringen – überhaupt dazu anzuregen, andere kennen zu lernen, Neues zu sehen, Ideen zu entwickeln und Dinge auszuprobieren.« Viele folgen dieser Anregung mit Begeisterung. Auch in diesem Jubiläumsjahr von zait werden beim Olivenölfest wieder um die 10.000 Besucher erwartet.

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