Tag: Inspiration Lounge

Aufbruch

22. Januar 2012 von Chris

(Gemeinschaft)

98 % sind Imitatoren – 2 % Initiatoren.

Wir haben uns die Zeit genommen unsere Haltung, unsere Arbeit, ja, auch den Weg, wo es hingeht zu formulieren. Jetzt setzen sich die letzten Jahre Arbeit einfach wie ein Mosaik zusammen. Alle Aspekte verzahnen sich. Menschen, ihre Ideen und Unternehmungen.

Und es werden immer mehr.

christian

kick your apps and your mind will follow

14. Dezember 2011 von Chris

(2.8 hours later)

Die Frau reißt ihre Augen auf – panisch. Blickt verzweifelt über den dunklen, schmutzigen Platz, rennt los. Dann kommen sie. Blutverschmierte Gestalten wanken auf sie zu, kreisen sie ein, machen die Flucht unmöglich. Der Kreis wird enger – aussichtslos.

Tja, was hier wie eine billige Zombie-Nummer anmutet, ist auch eine – bloß nicht als Film, sondern in Wirklichkeit. Das Ganze spielt in Leeds Ende November und ist ein Highlight des britischen Künstlerduos Simon Johnsons und Simon Evans. Virtuality goes Reality. Das Herz jeden Gamers schlägt höher. Die Jungs hatten eine simple Idee: Hol die Story aus dem Netz, transportiere sie in die Wirklichkeit. Ergebnis: 2.8 hours later. Das Szenario: Die Stadt ist von einem unbekannten Virus infiziert, die Menschen verwandeln sich in blutgierige Zombies, fressen alles, was ihnen in die Quere kommt. Eine kleine Gruppe von Nicht-Infizierten (hier kann man als Teilnehmer mitspielen), muss sich durch Horden von Untoten schlagen, auf der Suche nach einem geheimen Ort, an dem sich die letzte Bastion der noch nicht infizierten Menschen befindet.

Was ist daran so interessant? Viele begeisterte User lassen ihre Rechner Rechner sein und gehen nach draußen. Genauer gesagt: Sie bewegen sich in eine Situation, die sie nicht beherrschen. Die »Treibjagd« findet im öffentlichen Raum statt. Bahnhöfe, leere Fußgängerzonen, unübersichtliche Parkhäuser. Die Gamer müssen dabei während des Spiels live anwenden, was sie sonst nur via Mouse oder Stick erledigen. Sie finden sich in einer geistigen und physischen Interaktion wieder, die sie tatsächlich an ihre Grenzen bringt. Sie müssen rennen, fliehen, schnell agieren und reagieren. Auch können die Teilnehmer viel aus ihren Reaktionen ablesen. Verhalten sie sich teamorientiert oder egoistisch? Wollen sie als Gruppe überleben, oder geht es nur um den Vorteil des Einzelnen? Wie wichtig ist ihnen die Gemeinschaft?

Das britische Künstlerduo Simon Johnsons und Simon Evans hat das Live-Spiel 2.8 hours later erfunden. Gedanklicher Hintergrund: starkes soziales Auseinanderdriften in England führt aus ihrer Sicht langsam aber sicher in den völligen Kollaps. Ob Zombies Bürger jagen oder randalierende Banden anderen die Häuser ausrauben oder iPhones klauen, macht für die Simons keinen großen Unterschied. Schuld ist für sie der Giervirus.

Außerdem bemerkenswert: Gewohnheiten werden aufgebrochen, Neues entsteht und diesmal kommt die Inspiration aus dem Netz. Was ursprünglich als virtual game entwickelt wurde, findet sich auf einmal in der tatsächlichen Welt wieder. Die Menschen haben das Bedürfnis, sich aktiv und persönlich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Und das in Zeiten, in denen uns Apps alles doch vermeintlich abnehmen.

Übringens: auch die Inspiration Lounge wird künftig immer mehr aus den Tiefen der virtuellen Welt in den realen Raum dringen. Live und in echt. Gut, bei uns werdet ihr nicht von Zombies gejagt, aber …

…aber davon an anderer Stelle mehr.

schöner, erhaltend, erweiternd – das Finanzierungsmodell_II

18. November 2011 von Kerstin

(Das Finanzierungs-Interview_Kerstin Döweler | Thomas Fuhlrott)

Kerstin: Ihr blickt ja heute auf über zehn erfolgreiche Jahre zurück. Aber wie war das denn im ersten Jahr? Ihr brauchtet Startkapital für das Öl, hattet Zinsen und Ölpreise kalkuliert, aber wusstet ja nicht, ob auch wirklich viele Kunden Öl bei Euch kaufen werden. Wie seid Ihr denn mit diesem Risiko umgegangen bzw. was wäre passiert, wenn Ihr zu wenig Öl verkauft hättet?

Thomas: Auch das hatten wir natürlich mitbedacht. Die von uns angekaufte Ölmenge war damals noch nicht so groß. Hätten wir zu wenig davon verkauft, hätten wir das geliehene Geld aus der eigenen Tasche aufbringen müssen. Weil die Geldbeträge nicht so hoch waren, hätte das auch funktioniert. Allerdings wären wir damit wahrscheinlich damals länger als ein Jahr beschäftigt gewesen. Darüber waren unsere Geldgeber genau informiert. Der Fall ist aber nicht eingetreten, weil wir die zu verkaufenden Ölmengen von Anfang an gut, d.h. realistisch kalkuliert haben. Es ist eben auch wichtig, sich nicht zu überschätzen.

Kerstin: Du sagtest vorhin, Freunde, denen Du das Zait-Konzept vorgestellt hast, hätten Dein Engagement gespürt, dem Olivenölhandel neue, positive Impulse zu geben. Inwieweit war und ist denn Euer Ansatz, neue Impulse für die Ökonomie und speziell den Olivenölhandel zu geben, grundlegend für das gute Funktionieren des Finanzierungsmodells gewesen?

Thomas: Unsere Ausrichtung von Zait war und ist ganz wesentlich für den Erfolg. Unsere Ideen und unser gesamtes Konzept beruhen eben nicht auf einem üblichen Marketingkalkül nach dem Motto: wie machen alles wie andere auch, müssen dabei aber irgendwie auffallen. Es ging uns im Gegenteil von Anfang an darum, die Art, in der konventionell Olivenöl gehandelt wird, kritisch zu hinterfragen, Missstände zu erkennen sowie die Dinge, die schlecht sind und einen selbst ärgern, anders und gut zu machen. Im Olivenölhandel gab und gibt es eine Notwendigkeit für mehr Qualitätskontrollen, mehr Transparenz für die Verbraucher und überhaupt für bessere Qualität. Nativ Extra ist auf dem deutschen Markt nur ein Mindestqualitätsstandard. Das wissen die meisten Verbraucher gar nicht und kaufen solches Öl oft viel zu teuer ein. Daher war unser Ziel, hochwertiges und streng kontrolliertes Olivenöl zu vernünftigen Preisen auf den deutschen Markt zu bringen. Vernünftig heißt dabei vor allem, die Produzenten für ihre hochwertige Arbeit angemessen bezahlen zu können, so dass sie auch weiterhin besondere Qualität auf ökologisch sinnvolle Weise produzieren werden. Es heißt auch, strenge Qualitätskontrollen von unabhängigen Laboren durchführen lassen zu können, auch wenn wir dazu nicht gesetzlich verpflichtet sind. Wir wollen das so, weil dadurch beste Qualität gewährleistet wird.

Die Leute, und damit meine ich auch unsere Geldgeber, haben das verstanden und finden gut, dass wir diesen Weg gehen. Sie merken, dass es uns wichtig ist. Dass es uns um mehr geht als den Profit, das rein Wirtschaftliche, nämlich um sinnvolle, nachhaltige Vorgehensweisen mit dem Blick auf alle Aspekte des Handels, der Qualität, der Zusammenarbeit mit unseren Produzenten, des Umgangs mit Ressourcen und des Miteinander leben und arbeiten an sich. Es geht uns darum, neue Potenziale aufzuzeigen, wie wir heute und in Zukunft vernünftig wirtschaften können, d.h. in Einklang mit Mensch und Umwelt qualitativ Ökonomie betreiben. Ohne Ökonomie wird es nämlich nicht gehen, aber die Art, in der wir Ökonomie betreiben, muss sich angesichts der heutigen sozialen und ökologischen Verwerfungen dringend ändern. Es wird uns nichts bringen, dabei auf andere zu warten. Wir müssen selbst aktiv werden, und genau das ist für uns bei Zait wesentlicher Antrieb.

Hätte ich dagegen ein Konzept präsentiert, dass mich einfach so schnell wie möglich reich macht, völlig egal mit was, es ginge mir nur um Geld – keiner meiner Freunde oder Bekannten hätte mir Geld geliehen, da bin ich absolut sicher. Die hätten gedacht: warum soll ich Thomas unterstützen? Damit er schnell reich wird? Ich glaube, der spinnt.

Kerstin: Zum Abschluss noch die Frage, zu welchem Zeitpunkt im Jahr Ihr das Geld von den Geldgebern braucht.

Thomas: Das ist regelmäßig zu Anfang eines Jahres, damit wir dann das von unseren Produzenten aus der aktuellen Ernte hergestellte Olivenöl frisch einkaufen und hier anbieten können. Für alle, die für uns Geldgeber sein wollen, heißt das: bald ist es wieder soweit. Wer Interesse hat, sollte sich  bei uns melden.

Kerstin: Gut, dann haben wir jetzt alle wichtigen Fakten besprochen, oder fehlt noch was?

Thomas: Ja, eine Sache möchte ich zum Abschluss gerne noch sagen. Ich kann Gründern nur raten, bei Bedarf ebenfalls eine solche Art von Finanzierungsmodell für sich zu erarbeiten, schon weil es eine bestimmte Unabhängigkeit von Banken mit sich bringt. Überhaupt ist es hilfreich, das eigene Unternehmenskonzept den Freunden und der eigenen Familie vorzustellen. Die Erfahrung zeigt: Wenn du diese Menschen überzeugst, dann helfen sie dir auch. Es ist außerdem ein wunderbarer Test. Wenn du nämlich nicht einmal diese dir nahe stehenden, zugewandten Menschen von deinem Konzept überzeugen kannst, wie willst du erst andere Menschen für das Vorhaben gewinnen?

Kerstin: Thomas, vielen Dank für das Interview.

Zum krönenden Abschluss des Artikels haben wir auch dieses Mal natürlich ein Rezept für einen einfach herzustellenden Leckerbissen mit Zait-Olivenöl.

Weichen Ziegen- oder Schafskäse, Majoran, Kräuter der Provence oder nach Belieben andere Kräuter und Pfeffer mit der Gabel musen

und so viel Öl hinzugeben, bis eine cremige Masse entsteht.

Sehr lecker auf Weißbrot.

Interview | Part I | ProjektPartner

schöner, erhaltend, erweiternd – das Finanzierungsmodell_I

16. November 2011 von Kerstin

(Kerstin Döweler im Gespräch mit Thomas Fuhlrott | Entrepreneurship Summit 2011, Berlin)

Beim Entrepreneurship Summit in Berlin trafen sich auch in diesem Jahr wieder viele kreative Unternehmer zu einem Austausch über Ideen und Vorgehensweisen bei der Realisierung ihrer Unternehmensgründungen. Kernfrage der über 1500 interessierten Besucher: eine gute Unternehmensidee finden, ein Unternehmen erfolgreich aufbauen und damit gleichzeitig zum nachhaltigen Wandel in Richtung einer Ökonomie beitragen, die über das rein Wirtschaftliche hinausgeht – wie kann das konkret aussehen?

Unser Projektpartner Thomas Fuhlrott gab darauf im Rahmen gleich mehrerer Veranstaltungen Antworten aus seinem eigenen Erfahrungsschatz. Auf ganz besondere Aufmerksamkeit traf dabei die Darstellung über sein Finanzierungsmodell, das er vor zehn Jahren für die Gründung seines Unternehmens Zait entwickelte.

(workshop mit Thomas Fuhlrott)

Da auch wir immer wieder großes Interesse bemerken, sobald wir hier in unserem Umfeld über das Finanzierungsmodell von Zait sprechen, stellten wir fest: höchste Zeit, ein Interview mit Thomas Fuhlrott darüber zu machen. Gesagt, getan.

Kerstin: Thomas, warum brauchte es bei der Gründung von Zait eine besondere Finanzierungsidee?

Thomas: Bei den meisten Unternehmensgründungen gibt es ja einen Kapitalbedarf, um die Idee, das Unternehmenskonzept realisieren zu können und an den Markt zu gehen. Unsere Idee bei Zait war, erstklassiges, streng kontrolliertes Olivenöl hier in Deutschland auf eine andere als bis dahin für Olivenöl übliche Art zu handeln – nämlich basierend auf der Idee des Jahresvorrats. Direkt nach der Olivenernte und der Ölerzeugung durch unsere Produzenten in Italien, Spanien, Griechenland und Portugal holen wir das Öl hierher. Unsere Kunden bestellen ihren Jahresvorrat Olivenöl vorwiegend genau zu diesem Zeitpunkt, d.h., eine große Menge des Öls verkaufen wir direkt nachdem es hier eingetroffen ist. Dadurch brauchen wir nicht das ganze Jahr größere Lager- oder Verkaufsflächen. Für uns ein Kostenvorteil, den wir als Preisvorteil an unsere Kunden weitergeben.

Da ich damals auch schon als Gründungsberater tätig war, wusste ich, dass die Chancen für eine Gründungsfinanzierung des Unternehmens durch eine Bank gleich Null standen – obwohl das Geschäftskonzept absolut rund war. Ich habe es aus Neugier trotzdem versucht, natürlich mit ausgearbeitetem Business-Plan. Das Ergebnis entsprach komplett meinen Erwartungen. Bereich Einzelhandel, Olivenöl mit einem dafür neuen Handelskonzept – viel zu risikoreich aus Sicht der Banken. Wir brauchten aber das Startkapital, um die erste Menge Olivenöl ankaufen und hierher bringen zu lassen.

Kerstin: Wie bist Du also vorgegangen, um das Startkapital zu bekommen?

Thomas: Wir haben uns auf etwas besonnen, was eigentlich ganz logisch erscheint: wir haben das Geschäftskonzept Freunden und Bekannten im Detail vorgestellt, unsere Situation erklärt und gefragt, wer bereit ist, uns Geld für den ersten Ankauf von Olivenöl zu leihen. Ich sage »eigentlich logisch«, weil es tatsächlich nahe liegen müsste. Wenn ich darüber erzähle, stelle ich aber immer wieder fest, dass viele Menschen offensichtlich weniger Probleme damit haben, einen Banker um Geld zu bitten als den eigenen Freundeskreis. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir hier so sehr auf Individualismus und Autarkie eingeschworen sind, dass es uns schwer fällt, unser soziales Umfeld um Hilfe zu bitten. Eventuell noch den engsten Familienkreis, aber Freunde? Und dann auch noch um Geld, wo doch gerade da sprichwörtlich die Freundschaft aufhört. Das gibt vielen offensichtlich ein ungutes Gefühl.

(Zwischen den Impulsvorträgen)

Kerstin: Und Ihr habt es trotz aller gegenteiligen Redensarten gewagt. Fiel es denn schwer?

Thomas: Nein, und zwar deshalb, weil wir unser Unternehmenskonzept bis zu Ende gedacht hatten. Es war rund, wir waren und sind komplett davon überzeugt. Dadurch konnten wir auch andere davon überzeugen, dass wir eine gute Idee am Start haben. Noch dazu: Erstklassiges Olivenöl nach Deutschland zu holen und es unter strengen Qualitätskontrollen zu handeln – gerade das Lebensmittel, das innerhalb der EU am häufigsten gepanscht und verfälscht angeboten wird – das haben auch vor zehn Jahren viele zügig als gutes Konzept und Ziel begriffen. Damals gab es ja auch schon jede Menge Lebensmittelskandale, Ernährung war auch da ein Thema. Die Menschen, die wir um Geld fragten, haben unser Engagement gespürt, im Bereich Olivenölhandel einen neuen, nachhaltigen und qualitativ besseren Weg zu gehen, der auf den Grundwerten schöner, erhaltend und erweiternd fußt. Und natürlich hatten wir uns auch das Finanzierungsmodell genau überlegt und bis ins Detail durchkalkuliert, welche Zinsen wir vernünftigerweise an die Geldgeber aufgrund unserer Olivenölverkaufserlöse auszahlen können.

Kerstin: Haben dann von Anfang an viele mitgemacht?

Thomas: Wie das zu Anfang so ist, einige Freunde, besonders diejenigen, die uns lange gut kannten, waren schneller dabei. Andere blieben erst mal skeptisch, waren aber dann überzeugt, als sie nach einiger Zeit klar gesehen haben, dass unser Geschäftskonzept mitsamt unserem Finanzierungsmodell gut funktioniert. Heute sind zahlreiche Geldgeber bereits langjährig dabei. Teilweise bieten uns heute pro Jahr sogar so viele Menschen Geld für den Ölankauf an, dass wir Absagen erteilen müssen, weil wir gar nicht so viel Geld brauchen. Wir nehmen kein Geld an, dass wir nicht für den Ölankauf bei unseren Produzenten benötigen. Und Geld nur anzunehmen, um es für andere anzulegen, ohne es in unsere notwendigen Unternehmensabläufe einzubinden – das ergibt für uns keinen Sinn.

Kerstin: Das klingt alles sehr gut. Jetzt will ich natürlich auch wissen, wie das Finanzierungsmodell konkret aussieht.

Thomas: In all den Jahren funktioniert es nach dem gleichen Konzept: Du leihst uns Geld für den Ölankauf, eine Summe ab 5000,- Euro. Nach einem Jahr erhältst Du den Betrag zurück, plus 6 % Zinsen und einem Geschenk aus dem Hause Zait. Geregelt sind diese Konditionen alle übersichtlich und schwarz auf weiß in einem Darlehensvertrag, den Du mit Zait abschließt. Wie schon gesagt, innerhalb von zehn Jahren haben wir alle Darlehensverträge stets erfüllt. Für den Fall, dass Zait einmal die Vertragsverpflichtung tatsächlich nicht einhalten könnte, beispielsweise weil mir etwas Unvorhergesehenes passiert und ich nicht wie gewohnt arbeiten kann, haften laut Vertrag ich und meine Geschäftspartnerin auch persönlich für die Vertragseinhaltung.

(Fortsetzung folgt)

Interview mit Thomas Fuhlrott

schöner, erhaltend, erweiternd_teil 3

11. Oktober 2011 von Kerstin

(interview mit thomas fuhlrott_zait | kerstin döweler_inspiration lounge, teil 3)

K: Zur nächsten Frage: Ist es denn vorstellbar, dass sich an dieser von Dir erwähnten Hürde etwas ändert? Dass Menschen einfach gute Produkte im Sinne von Ruskin bevorzugen, auch ohne ausgeprägtes Bewusstsein dafür?

T: Wir haben bei zait natürlich Kunden, die unsere Öle kaufen, weil sie ihnen einfach gut schmecken und gesund sind. Auch insgesamt betrachtet wäre eine niedrigere Hürde ein wichtiger Schritt, um die Nachfrage zu verbreitern und die Weiterentwicklung entsprechender Unternehmen zu ermöglichen. Das würde auch heißen, diese Art ökonomischen Handelns auch für diejenigen interessanter zu machen, die heute beispielsweise noch auf Produktionen unter Verursachung sozialer und ökologischer Missstände setzen. Allerdings müssen dorthin noch Wege entwickelt werden, die bisher in größerem Umfang nicht zu sehen sind.

K: Aber auch in den Personenkreisen, die schon ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Grundwerte »schöner, erhaltend und erweiternd« haben, könnten doch sicher noch mehr Menschen erreicht werden?

T: Ja, stimmt. Dann muss aber mehr dafür getan werden, dass man die Unternehmen schneller finden kann, die nach diesen Wertmaßgaben arbeiten und neue, andere Impulse innerhalb ökonomischer Strukturen setzen. Hinzu kommen andere Fragen der Erreichbarkeit. Ein Beispiel: Sicher ist es gut, wenn jetzt bei Euch in Köln mehr Bio-Höfe am Rande der Stadt ihre Produkte auf dem eigenen Hof verkaufen. Das ist ein neues Angebot, gute Produkte dort zu bekomen, wo es auch Transparenz und den Kontakt zum Produzenten gibt. Doch es ist klar, dass nicht jeder Stadtbewohner raus auf die Bio-Höfe fahren kann. Viele werden das auch in Zukunft nicht tun, schon weil sie daran gewöhnt sind, zum Einkaufen in die Stadt oder nur um die nächste Ecke zu gehen. Die Frage ist daher, wie auch innerhalb der Städte Standorte aufgebaut werden können, die es leichter machen, gute Produkte kennen zu lernen, auszuprobieren und auch im Alltag einfach zu erreichen und einzukaufen. Eines ist doch sicher: es wird diese Produkte nicht mal schnell in den herkömmlichen Supermärkten geben. Dort dominiert die Lebensmittelindustrie.

K: Weil wir gerade bei Weiterentwicklungsmöglichkeiten sind: wie sieht es denn für Unternehmen aus, die sich wie zait den Grundwerten »schöner, erhaltend und erweiternd« verpflichten? Der Begriff der Grenzen des Wachstums ist ja heute einerseits aktuell, während Politik und Wirtschaft immer noch das permanente Wachstum beschwören.

T: Bei uns und auch anderen Unternehmen, die ich kenne, sind die Möglichkeiten zu wachsen klar begrenzt. Auch das hängt wieder mit den Grundwerten »schöner, erhaltend und erweiternd« zusammen. Wir können nicht immer größere Mengen Olivenöl handeln, schon weil es Zeit und Aufwand bedeutet, Olivenöl in ausgezeichneter Qualität zu produzieren. Wollten wir innerhalb kurzer Zeit viel größere Mengen verkaufen, würde die Qualität leiden. Vieles, was wir heute tun, wofür wir uns engagieren, könnten wir so nicht mehr machen. Und das wollen wir nicht.

K: Ich merke deutlich, wir Verbraucher sollten uns auf folgende Dinge einstellen: wenn wir gute Produkte haben wollen, müssen wir, jedenfalls noch momentan, eingehender danach forschen, wer diese Produkte anbietet. Es kann ja auch richtig Spaß machen, solche Menschen und Produkte zu entdecken und die Entdeckungen mit anderen auszutauschen, statt immer auf denselben Wegen in dieselben Supermärkte zu gehen.

Und was die Definition von »erfolgreich« am Markt angeht, wäre wohl ebenfalls ein Perspektivenwechsel fällig. Neue Impulse, die Einhaltung wichtiger Grundwerte und daran orientiertes Wachstum statt immer nur mehr verkaufen und immer größer werden um jeden Preis. Es wird ja immer deutlicher, wohin uns diese altbekannte Auffassung von Erfolg gebracht hat und bringen kann.

T: Das sehe ich auch so.

K: Thomas, vielen Dank für das Interview.

Zum Interview, wie versprochen, hier das von uns erprobte Rezept für einen wunderbaren, einfach herzustellenden Appetizer oder gleich eine ganze Mahlzeit.

REZEPT

Sehr lecker auf geröstetem Weissbrot ist diese Tomatenpaste mit Knoblauch.


Dazu reibt man frische Tomaten mit einer Handreibe


oder entsprechenden Einsatz im Mixer oder verwendet wie wir einen Pürierstab.


Dem Tomatenbrei gibt man ein Drittel zait-Olivenöl aus Katalonien zu und würzt das Ganze nach Belieben mit Knoblauch aus der Presse, Salz und Pfeffer.

Guten Appetit!

Interview Teil 1

Interview Teil 2

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