Tag: Inspiration Lounge Interview

Zeitfrage

08. Juni 2015 von Kerstin

dirk kropp(dirk kropp)

Vor kurzem waren wir bei Aikido üben in Köln eingeladen. Der Aikido-Meister Dirk Kropp, vor einiger Zeit bei uns im Inspiration Lounge Interview, feierte das 30-jährige Bestehen seines Dojo. Es war ein schönes Ereignis mit vielen gut gelaunten Menschen im Austausch, viele Personen, die bereits seit über 20 Jahren Mitglieder bei Aikido üben sind. Für uns gab es dazu insbesondere eine Anregung, die wir gerne mit in unsere Weiterentwicklung der Inspiration Lounge hinein nehmen:

Als Dirk Kropp nämlich aus seinem 30-jährigen Schaffen als Aikido-Lehrer erzählte und dabei Ausschnitte seines Weges schilderte, die ihn nach und nach zur Änderung seines Aikido-Stils in die heutige Form brachten, wurde mehr als deutlich: lange Zeit eingeübte Pfade zu verlassen und etwas aufzubauen, das gerade aufgrund seines anderen Charakters geschätzt wird, braucht Zeit. Doch Zeit ist eben heutzutage das, was wir offensichtlich ständig denken einsparen zu müssen. Wie oft hört oder sagt man am Tag schon »Mach mal schnell dies oder das«. Und natürlich können gute Ideen auch mal von einem zum nächsten Moment entstehen, nur – die konsequente Umsetzung mit ihren oft genug tausenden Einzelteilen ist etwas ganz anderes und verlangt Geduld, Überlegung, Ausprobieren, Schritt für Schritt.

Also, begrenzte Zeit für uns alle einerseits, Schritt für Schritt umsichtig andererseits – ein unüberwindbarer Gegensatz? Nein. Zusammengenommen wird aus dem vermeintlichen Widerspruch eine logische Verbindung, die auf der Einladungskarte zur Jublläumsfeier des Dojo zu lesen ist: »Wir haben so wenig Zeit, wir müssen sehr langsam vorgehen.«

Genau.

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Gehen lernen 2.0

25. März 2015 von Kerstin

dojo(dojo)

Auf den 1. Teil unseres Interviews mit dem Aikido-Lehrer Dirk Kropp folgt hier nun die Fortsetzung:

Kerstin: »Herr Kropp, Sie sagen, Ihr eigener Weg hat sehr viel Zeit gekostet und ab einem Zeitpunkt wurde Ihnen bewusst, dass die Änderung Ihres Aikido-Stils auch konsequent zu weiteren Änderungen führen muss. Welche Änderungen waren das?

Dirk Kropp: Ich bemerkte beispielsweise, dass ich die Aspekte Umsicht, Meditation, Lebensenergie und Raum zur Entwicklung des eigenen Weges dauerhaft nicht so wie gewünscht im Dojo an Menschen vermitteln kann, wenn ich dabei weiterhin meine traditionelle Aikido-Bekleidung trage. Denn es ist so: betrete ich bzw. eine andere Person mit schwarzem Gürtel und Hakama, dem im Aikido traditionellen Hosenrock, das Dojo, löst das bei anwesenden Übenden meist die traditionellen Vorstellungen von Aikido aus – Kampf, Akrobatik, striktes Leistungs- , Über- und Unterordnungsprinzip – die ich gerade nicht weitergeben möchte. Also kam ich zu dem Schluss, schwarzen Gürtel und Hakama im Dojo nicht mehr zu tragen, sondern die gleiche Aikido-Kleidung wie alle anderen Übenden und Schüler. Den Schluss umzusetzen, ist mir nach so vielen Jahren Aikido-Praxis nicht leicht gefallen. Gerade der schwarze Gürtel ist ja ein sehr wichtiges Symbol, steht für Können und Erfahrung, jahrelanges Training, abgelegte Prüfungen.

Kerstin: Gab es denn darauf hin spürbar andere Reaktionen im Dojo?

Dirk Kropp: Ja, die gab es. Zunächst einmal zeigte sich für mich recht schnell, dass sich die Übungsatmosphäre ändert, dass sie ruhiger, konzentrierter, insgesamt angenehmer wird. Dazu kam, dass die Veränderung des Aikido-Stils zunächst dazu führte, dass diejenigen Übenden das Dojo verließen, die weiterhin dem traditionellen Aikido-Stil folgen wollten und meine Änderungen nicht gut fanden. Das waren eine Zeit lang ziemlich viele Mitglieder. Doch dann kamen im Gegenzug Neue hinzu, gerade aufgrund des geänderten Stils und der meditativen Aspekte. Natürlich hat auch das zur guten Übungsatmosphäre im Dojo beigetragen und tut es heute noch.

dirk kropp(dirk kropp)

Kerstin: Man kann also sagen, dass die Veränderungen alle sehr positiv waren?

Dirk Kropp: Ich kann sagen, dass ich heute sehr zufrieden mit den Entscheidungen bin, die ich getroffen habe. Den Übenden und Schülern einen Raum zu geben, um im Rahmen von Aikido ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten, das eigene Gespür, den eigenen Weg zu finden statt »blind« Vorgaben zu folgen – ihnen einen Ort der Ruhe und Konzentration zu öffnen, das schätze ich sehr.

Allerdings ist der Weg nicht zu Ende. Es gibt immer wieder auch neue Aspekte, die ich im Rahmen des Aikido-Stils, den ich vermittle, überdenken muss. Oft zieht eine Entscheidung andere direkt nach sich. Ein Beispiel: nachdem ich den traditionellen Aikido-Hosenrock nicht mehr trug, bemerkte ich, dass ich sozusagen nochmals Gehen und Stehen lernen musste. Der Hakama kann verdecken, dass der eigene Stand nicht immer so sicher ist, wie er nach außen wirkt. Das heißt, es sieht im Hakama zwar sehr gut aus, wenn man Menschen durch die Luft auf die Matte werfen kann, aber es kann einen selbst auch darüber hinweg täuschen, dass die eigene Position gar nicht so fest ist wie gedacht.

Kerstin: Da fallen mir natürlich ganz viele Alltagsparallelen ein. Vom Privatleben bis zum Geschäftsgespräch – wir verbergen doch alle mal gerne, dass wir gar nicht so sicher sind, wie wir selbst oft glauben wollen.

Dirk Kropp: Ja, natürlich gibt es Parallelen. Deshalb sprach ich davon, dass es bei der Weise, in der ich Aikido weitergebe, darum geht, in allen, insbesondere auch in schwierigen Alltagssituationen, tatsächlich bei sich bleiben zu können, ruhig und umsichtig gegenüber sich und gegenüber anderen zu handeln – nicht feststellen zu müssen, dass man in Stress und Unsicherheit versinkt. Es geht darum, dass man sich immer wieder im eigenen Gehen und Stehen übt statt sich auf gewohnte Wege zu verlassen, nur weil »man« das eben so macht und weil es sicher scheint.

Kerstin: Gibt es etwas, das Sie sich für die Zukunft wünschen?

kerstin döweler(kerstin döweler)

Dirk Kropp: Ja, ich würde mich insbesondere freuen, wenn noch ein paar mehr Aikido-Lehrer die Widersprüche zwischen der eigentlichen Bedeutung des Begriffs Aikido und dem traditionellen Aikido-Leistungssystem spüren könnten.

Kerstin: Könnte es sein, dass zumindest einige andere die Widersprüche spüren können, aber einfach den eigenen Weg zu einem anderen Aikido-Stil scheuen? Das traditionelle System vermittelt ja auch Halt und ein Dazugehören, die man vielleicht Angst hat zu verlieren. Oder man denkt, es käme einem Verlust von Stärke gleich.

Dirk Kropp: Ja, das mag sein. Aikido ist eine Kampfsportart. Da liegt der Gedanke nah, sich anhand des traditionellen Leistungssystems unter den anderen Kampfsportarten behaupten zu müssen, nicht als »weich« oder »schwach« gelten zu wollen. Andererseits: das von mir geleitete Dojo besteht heute seit vielen Jahren. Man sieht also: ein anderer Weg ist möglich und findet auch zu den Menschen, die ebenfalls ihren eigenen Weg gehen wollen.

Kerstin: Noch dazu, seit wann zeugen ein konsequent eigener Weg abseits ausgetretener Pfade sowie umsichtiges Verhalten statt Aggression eigentlich von Schwäche? Aber lassen Sie uns darüber im Live-Interview sprechen, das bei unseren nächsten Inspiration Lounge TALKS folgen wird.

Herr Kropp, ich bedanke mich für das Gespräch.

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