Tag: Ideen

I Care A Lot

07. September 2010 von Kerstin

Es gibt immer wieder Projekte, die auf besondere Weise verschiedene Themen und Blickwinkel kombinieren und dadurch Ideen und Arbeiten auf den Weg bringen, die sonst wohl nicht entstanden wären.

Ein solches inspirierendes Projekt ist »I Care A Lot – Middle East Portable Discussion«, von dem wir durch unsere Interviewpartnerin, die Schmuckkünstlerin Katja Prins, erfahren haben. Die Idee von »I Care A Lot« besteht darin, eine Diskussion, einen Austausch über aktuelle Themen und Standpunkte betreffend den Mittleren Ostens anzustoßen. Das kann man natürlich auf verschiedenen Wegen tun. Gängig wäre sicherlich gewesen, eine Konferenz einzuberufen, bei der die bekannten Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu Wort kommen.

Die Projektinitiatoren, Dana Hakim und Yosef Bercovich, machten es anders. Sie luden international bekannte Schmuckkünstler ein und baten sie, ein prägnantes Thema des Mittleren Ostens in einem eigens entworfenen und gefertigten Schmuckstück umzusetzen. So ungewöhnlich das klingen mag, es sind dadurch zahlreiche Werke entstanden, die in Konzept und Gestalt die Auseinandersetzung ihrer Macher mit Themen wie Religion, Menschenrechte, soziale Konflikte, kulturelle Entwicklung und Koexistenz erkennen lassen.

In Stockholm hat inzwischen die Ausstellung der interessantesten eingereichten Werke begonnen. Natürlich ist auch Katja Prins mit einer Arbeit vertreten: Die Halskette »Bound by Blood« kombiniert und vereint in einem Schmuckstück mehrere, sich nur in Details unterscheidende Gebetsketten verschiedener Religionen.

Inspiration Lounge Interview mit Katja Prins

Interview mit PUPLIK. ORG

26. August 2010 von Chris
YouTube Preview Image

»… wie ein Tigerhai, der sein Maul aufreißt und alles filtert.«

Diane Müller und Werner Magar sind PUPLIK.ORG. Public Space is our Livingroom ist ihr Motto. Seit 2006 schaffen Diane Müller und Werner Magar gemeinsam Kunst im öffentlichen Raum und sorgen dadurch bei vielen für so manchen neuen Blickwinkel und spannende Durchbrechungen gewohnter Denk- und Verhaltensstrukturen.

Ihre Ideen und Projekte sind dabei äußerst vielfältig: Da sind Interventionen, wie beispielsweise The Crossroadfitnessfunlight oder die Gesangsperformance Hell’s Angies & Hartz IV Chor, die allseits bekannte Schlager mit neuen gesellschaftspolitischen Texten zum Mitsingen zwecks Bekämpfung der zunehmenden bürgerlichen Desensibilisierung und Passivität in die Öffentlichkeit trägt. Installationen, wie beispielsweise Radio Cut Up – eine Stele als interaktives Online-Radio, das Besuchern im öffentlichen Raum die individuelle Gestaltung einer Audiosendung ermöglicht, Installationen als neuartige Leitsysteme, entwickelte Objekte wie die Soundbomben oder Atmenden Kugeln… oder kurz gesagt: es ist unschwer zu erkennen, dass sich mit PUPLIK.ORG ein Team gefunden hat, das viele Ideen hat und diese konsequent umsetzt. Wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses und der Ideenfindung ist dabei das Flanieren. Natürlich sind auch der gemeinsame Austausch, das gegenseitige Pushen bei der Konzeption und der Durchführung von Projekten sowie die Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten, z.B. Programmierern, unerlässlich.

Kennen gelernt haben sich Diane Müller und Werner Magar während ihrer Arbeit für das MARS-Exploratory Media Lab am Fraunhofer Institut für Medienkommunikation in Sankt Augustin. Nach einiger Zeit beschlossen sie, gemeinsam künstlerisch zu arbeiten – mit viel Spaß an der Freud, wie sie selbst sagen. Dabei denken sie darüber nach, wie der öffentliche Raum zum »Lebensraum« werden kann, – ob es dabei um guerilla-elektronische Taktiken in Einkaufpassagen, die Beschallung der Kölner Domplatte, die Aneignung und Neuverortung von Plätzen oder auch die Außendarstellung von Unternehmen geht.

Tatsächlich sind der Spaß an der Freud und jede Menge Energie gut nachvollziehbar, sobald man die beiden erlebt, wenn sie über ihre Ideen und Projekte erzählen, wenn man sie auf einem ihrer Gänge durch die Stadt begleitet oder in ihrem Atelier vorbeischaut, das sie sich mit zwei anderen Künstlern teilen.

PS: Auf besonderen Wunsch von Werner weisen wir darauf hin, dass der Arbeitsgang eines Flaneurs natürlich mehr dem Vorgehen des Walhais entspricht. Der ist nämlich deutlich freundlicher als ein Tigerhai.

the return of the living robots

22. August 2010 von Chris
YouTube Preview Image

Dieses Wochenende fand auf der froscon2010 (free and open source conference) unter anderem ein sehr spannender workshop  mit ruin&wesen statt. Dabei ging es um die spielerische Kombination von Arduino-Technologie, PaperRobots, learning-by -the-way und einer Menge fun. Hier im Videoschnipsel ist einer der Prototypen, der arduino zombie rabit, zu sehen.

Der Sektor der PaperRobots erfreut sich immer größerer Fankreise. Von einigen vielleicht als spielerischer Nonsens betrachtet, entsteht hier eine Parallelwelt, die durch ihren von Leichtigkeit geprägten Umgang mit Codes und Design ganz schnell Einzug in den wissenschaftlichen und programmiertechnischen Kontext erhält. Viele dieser Ideen und Dinge werden wir morgen an Orten wiederfinden, an denen wir sie nicht erwartet hätten. time to change.

interview ruin&wesen

kami-robo (trailer unter dem logo anschauen!)

paperrobots1999

Interview mit David Jeanmonod

11. August 2010 von Kerstin

(click the pix)

I love legends

David Jeanmonod lebt in Biel, wo er sich gleich zwei großen Leidenschaften intensiv widmet: dem Piercing und der Rockmusik, speziell Heavy Metal. Wer jetzt denkt, David begnüge sich damit, ein paar Ringe im Gesicht zu tragen und regelmäßig Konzerte zu besuchen, liegt falsch.

David Jeanmonod ist einer der Menschen, die es verstehen, aus ihrer Leidenschaft etwas besonderes zu machen. 1992 beschloss er, Europas größten Piercing-Laden mit der umfassendsten Piercing-Schmuck-Kollektion haben zu wollen. 1997 realisierte er seine Idee und eröffnete »Camden Town«. Heute kommen Kunden aus ganz Europa, um sich von David piercen zu lassen. Und selbst an Tagen, an denen er alle 5-10 Minuten ein Piercing setzt, bleibt er locker und behält die Faszination an seiner Arbeit.

2007 beschloss David, zusätzlich zu seinem Laden, die Größen des Rock-Business zu interviewen. Heute, nach Interviews mit Bands wie KISS, Megadeth, Clawfinger, Slipknot und HIM., kennt er nicht nur Musiker wie Gene Simmons, Eric Singer und Ville Valo persönlich, nein, sie kommen auch in seinen Shop. So entstand irgendwann auch Davids Idee, zusätzlich ein eigenes Interview-Magazin herauszugeben.

Dass alles so gut und selbstverständlich zusammen funktioniert, hat mehrere Gründe: So ist bei David sehr gut erkennbar, wieviel kontinuierliche, fokussierte Arbeit, Ideen und Kontaktaufbau hinter der gleichzeitig vorhandenen, nach außen sichtbaren »mühelosen Perfektion« stecken. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs ist außerdem, was David gerne »Family Business« nennt. Auch Davids Frau Jenny ist mit viel Engagement für »Camden Town« bei der Sache. Neben Laden, Kollektion, Rockstar-Interviews und eigenem Magazin, konnte so auch noch die eigene Absinthe-Kollektion, genannt »Piercinthe« in Angriff genommen werden. Der Hersteller ist ein Nachbar Davids: Oliver Matter.

David Jeanmonod ist, kein Wunder bei seiner eigenen Geschichte, fasziniert von dem Spannungsfeld zwischen Images und dem darin oder dahinter liegenden »normalen Leben«. So schaut er in seinen Interviews den Rockstars gerne hinter die Show-Kulissen und liebt es selbst, auch ein »weird guy« zu sein.

Für David haben wir die Ausnahme gemacht: ein Inspiration Lounge Interview in Schriftform. Um Euch trotzdem einige persönliche Live-Eindrücke zu geben, folgt nach dem Interview noch ein Shortcuts-Video. Es entstand, nachdem unser Aufnahmegerät in ein Wasserglas gefallen war.

Das Interview

Kerstin: David, why and how did you become a Piercer?

David: My father was the director of the biggest department store in Bienne. He always told me, that you have to work hard to become a good personality. 1992 I got my first Eyebrow-Piercing in London. When I saw the Piercing shops over there for he first time, I really thought: Wow, that’s I want to have. You know, they had lots of different Piercing items and in Switzerland you only got Barbells and a few things more. So I said to myself: When I’ll have finished my apprenticeship as an electrical technician (that’s what my father wanted me to be, because it’s a solid profession – for me it was a nightmare) I want to have the biggest Piercing Shop in Europe with the biggest collection.

I opened my shop in 1997 and it really is Europe’s biggest Piercing Shop. My collection is huge, 25.000 items i.e. only for navel-Piercing – and many, many more. Every day the shop is crowded. I pierce a lot of people, sometimes every 5-10 minutes another person. This means I’ve to work concentrated all the time. Sometimes people come only to see the collection and talk a bit. Today we’ve just talked about Bienne’s big loss. Nicolas Hayek died yesterday. You know who he was?

He was a big manager, the director of Omega and he also »invented« the Swatch. He always got this idea of perfection, creation and hard work. For me he was a symbol.

Kerstin: Because of his perfection?

David: Yes, but also because of his attitude. He had a lot of success but never lost contact to normal people. He walked through Bienne like others, talking to all people, not only to the rich. Also his products or the labels he managed express this attitude. Omega and Swatch, which means there’s a swiss watch for everyone. I tell all the people, who work in my shop: Whoever comes in – a guy from around the corner, a rich young lady or a rock star – they all deserve the same amount of respect. Only if you work like this it’s good work. And for me, good work is very important. People have to be happy, they need to make a good experience.

Kerstin: When did you start to pierce people?

David: I started in 1995, when I was in the swiss military. I was at the biggest military school, placed in Lugano, stayed one month and then told them to count me out. So they sent me to the medical corps, where I stayed for three years. Every day I had to make countless injections and gained more and more experience in working with these medical instruments. After a while we started to make piercings for one another when we had some time left.

After that I went to a Piercing school in London, Camden Town. There I learnt all the facts and procedures for another 6 months. I opened my shop and in the end I can say that I’ve been lucky.

You know, in the last 25 years we’ve seen quite a lot of Piercing shops around here in Bienne, but they all had to close. Often because of selling not only the Piercing but also some kind of drugs. My idea has always been completely different. I don’t like drugs, I never smoked. I just wanted to give people a huge Piercing collection and a good, friendly and hygienic atmosphere. Ok, I like to have my own style, I like to look different and don’t want to be like many others – especially concerning cigaretts, drugs or too much alcohol. But in fact, I love to be normal – with a mask. You know, every day I go out and run 10 kilometers. I even do 100 kilometer runs. But I don’t like people to know that.

Kerstin: This sounds a bit like Tom Waits living a »typical star life« but behind the scenes he drinks green tea and eats this macrobiotic stuff.

David: Yes, perhaps it’s a bit like that. You know, last year I made an interview with an australian rock band. First I went to their concert where the lead singer was emptying one whiskey bottle after another. I was afraid and asked the manager if the singer will be in the condition to answer my questions after the concert. I got »No Problem« as an answer. They told me that it’s no whiskey but ice tea in the bottles. This means the singer is in full control while giving this Sex, Drugs and Rock’n Roll image for the audience. This is what they love to see.

I also like this image. I like people saying Wow. I like KISS on stage with all this blood and fire show. Just what I said – I love masks. With a mask you can say whatever you want, you have a Joker. For me it’s like a chance not to be David, to be someone else, just for an instant.

Even the thought gives you incredibly many possibilities. When I see my son, 5 years old, playing in his Toy Story Costume – one day he saves the world, another he fights alien enemies – isn’t that fantastic. I’m 36 now and sometimes I really want to have these times back.

Kerstin: So, what you have in common with the rock stars is that you have a special look and keep the Rock’n Roll image alive – while behind the scenes you are all hard working people?

David: Not all the rock stars are like that. Tommy Lee of Mötley Crüe i.e., he takes the Sex, Drugs and Rock’n Roll image too literally. So my interview with him was hell. A person like Gene Simmons is completely different, very intelligent, very open-minded and a perfect gentleman.

But back to what you said: really, when I open my shop, it’s my stage. I don’t look like I do now but more like a weird guy, wearing dark clothes or a rock band T-shirt and so on. I want my customers to have this impression. On the other hand I want to be a good example. I am totally focussed on my work and I never drink during the week.

You know, many people think of dirt, smokey air and alcohol when they imagine a Piercing shop. But my shop is completely different. I like other gadgets while working. Certainly Rock music – and I have 6 TVs and computers in my shop. I take care of my collection and love when people enter the shop and are surprised that it’s not like the imagined a Piercing Studio before. This experience remains in their minds and I like to make this difference. I like to make this effort.

I think, years ago people in general made more effort. I remember when Freddy Mercury died. A lot of worldwide known musicians made this »A tribute to Freddy Mercury« concert happen and thousands of people came to Wembley to show their respect and say Farewell to the former singer of Queen. Now, we have more and more a Kleenex-Age. People sit at home watching videos on Youtube, one after another. Everything is easy to get, easy to consume and to throw away. I don’t think that things like that will be remembered for a long time. They leave a big nothing and this will hopefully not be our future.

Also younger people…nearly every day some of them come into my shop and tell me that later on they want to be a piercer like me. »You can go to rock concerts, you know the rock stars, you can look like you want to, you have money, go to London once a month, that’s cool.« And I say: »Do whatever you want but don’t become a piercer. You’ll have to work very hard and constantly, you don’t have big party all the time, you’ll never go for a big holiday, you’ll have to be 100% on the job every day. This is not the fast and furious life you suppose, no getting rich pretty fast. And if you want to go to London, get yourself an Easyjet ticket and go. What’s your problem?

Kerstin: But isn’t it also true that on the other hand you do a lot to make this Piercing-Story look so damn cool. Your shop is your stage, you hear rock music while working, you colour your hair, pierce people like Eric Singer of KISS and do all these rock star interviews. I think that really seems more fascinating to a lot of people than doing a 9 to 5 office job. And they only see this »fun side«, not the work side. I think all these impressions work very well – same as with the rock star life we talked about before. In the end it’s also a big marketing story, isn’t it?

David: Yes, that’s true. But also this difference between the image and the »normal life« is very interesting. I love to interview these rock stars right after a concert. They’ve done their job, are relaxed. We’re on the same level. There’s no more rock star looking down at you from a stage.

Kerstin: When and why did you start making these rock star interviews?

David: ‘Til 2007 I went out with my dog and ran every day. Then my dog died. To push my thoughts in another direction I had to change my routine a bit. A good friend of mine works fort the »Journal du Jura«. He convinced me to make these interviews for the newspaper and gave me all his contacts. First I was afraid to do it and thought my english isn’t good enough. But then I’ve learned that if you really want to talk with somebody – you have to try and you’ll manage. Today I love doing an interview because I like to get in touch with these different interesting people. I also love rock music. Til I was 18 I was the drummer of a rock band. Today I only play for my kids – at least I try.

And, of course, I want to know what’s behind these rock star images. In my interviews I simply ask. I.e. is the blood KISS often uses for their shows real or artificial? How long do they need to put on their make-up and so on. I want to know what the musicians say themselves. I like to hear their personal points of view. That’s looking behind the masks.

Kerstin: So you like masks and looking behind them?

David: Voilà, that’s it. And I really love legends, people like Gene Simmons, Marilyn Monroe or the story of Loch Ness with this weird creature. I Iike when you don’t know wether the things you see and hear are reality or fiction, mask or no mask. You know, one day when I was a kid I started to wonder if Santa Clause really exists. I had my parents in suspicion to bring the gifts. When I asked my father he told me: »If I say now that it’s me, the story will be finished forever.« He was right. Today, in a world where so many people want to have things neat and sure, it’s much more fun to have an open end. When things aren’t clear, all remains more exciting.

Kerstin: One last question. Is there someone you’d like to recommend for our next Inspiration Lounge interview?

David: Ok, I have to think about it, because I know a lot of people who would have something interesting to tell. I think you should meet Chris aka Shippuunotenshi, He’s a great photographer and a good friend of mine.

Last but not least: David Jeanmonod in Shortcuts

YouTube Preview Image

Can’t you see that I’m…

08. August 2010 von Kerstin

Gestern sprach ich mit einer Freundin, die seit langer Zeit Kurzgeschichten schreibt. Sie erzählte mir, wie sehr es sie immer wieder erstaune, wenn andere sie fragen, ob sie denn nicht davor Angst habe, dass ihr auf einmal keine gute Idee mehr einfallen könnte.

»Oft kommen diese Fragen gerade dann, nachdem ich eine meiner Geschichten erfolgreich verkauft habe. Ich weiß also, dass mehr als eine Hand voll Menschen diese Geschichte gut fanden. Kurz darauf bin ich natürlich schon bei den nächsten Geschichten und just da kommt dann die Frage nach meiner Angst vor dem Ausbleiben guter Ideen. Das ist, offen gesagt, nicht unbedingt förderlich. Ich finde es auch nicht ganz nachvollziehbar, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Ich habe den Eindruck, dass nur Leuten aus per se kreativen Berufen diese Frage gestellt wird. Würde man einen Konditor, der gerade einen guten Kuchen gebacken hat fragen, ob er nicht fürchtet, dass ihm schon morgen die Ideen für guten Kuchen ausgehen könnten?

2. Die Frage geht gedanklich davon aus, dass ich mir alle Ideen zu meinen Geschichten ausdenke, dass sie aus mir allein »herauskommen«, praktisch einfach so. Ich muss nur meinen Kopf genug bemühen, um auch noch in den letzten Winkeln meines Hirns eine Geschichte zu erfinden. Und wenn mir das nicht mehr gelingt, ist alles zu Ende. Leute, diese Sichtweise übt einen enormen Druck aus, weshalb ich mir schon vor einiger Zeit eine andere Auffassung zugelegt habe.

Diese basiert auf einer Gewohnheit der alten Römer. Brachte damals jemand etwas besonderes zustande, sprach man davon, er habe einen Genius gehabt. Der Genius half einem dabei, aus der täglichen Arbeit und dem eigenen Engagement etwas wirklich Beeindruckendes zu schaffen. Interessant ist übrigens, wie sich die Redensart im Laufe der Jahrtausende verschoben hat, denn heute sprechen wir nicht mehr von einen »Genius haben«, sondern von selbst ein »Genius sein«. Gingen die Römer also selbstverständlich davon aus, man brauche zur ganz besonderen Leistung auch noch Hilfe von außen oder von oben (je nachdem, wie man es sehen will), verlagerte sich die Verantwortung danach auf den Schaffenden allein. Kein Wunder, dass damit erheblicher Druck und Versagensangst verbunden sein kann. Kein Wunder auch, wie viele Künstler, Schriftsteller oder auch Wissenschaftler sich schon damit gequält haben.

Sieht man es mehr so wie die Römer, erhält die ganz Angelegenheit ein freundlicheres Gesicht. Statt immensem Druck, alles aus sich selbst heraus entstehen lassen zu müssen und dabei völlig allein zu sein, muss ich nur mit meinem ganzen Engagement weiter an meinen Dingen arbeiten. Ich schaue also, dass ich »meinen Teil« der Arbeit stetig und immer so gut wie möglich mache. Ich kann zwar nicht dafür garantieren, dass ein Genius jeden Tag genauso konzentriert bei der Sache ist und »seinen Teil« dazu liefert. Aber ich gehe doch davon aus, dass er zumindest ab und zu reinschaut, solange ich mich weiter über und dranbleibe. Bis heute klappt das gut so.

Es gibt dazu auch eine schöne Geschichte von bzw. über Tom Waits. Wir alle kennen wüste Stories über ihn und es heißt vor allem, er habe sich lange Jahre immer wieder in unglaublicher Tag- und Nachtarbeit unter zahlreichen »Hilfsmitteln« abgearbeitet, um die vielen Songs entstehen zu lassen. Eines Tages aber »passierte« ihm Folgendes.

Er fuhr gerade mit dem Wagen durch L.A., als ihm eine Idee, eine Melodie durch den Kopf schoss. Normalerweise ging er in solchen Momenten sofort an’s Klavier und zu Stift und Papier, um die Melodie festzuhalten. Das ging jetzt aber nicht, und er geriet fast in Stress vor Angst, die Melodie zu verlieren. Doch stattdessen fuhr er an den Straßenrand, hielt an, sprang aus dem Auto, schaute leicht erzürnt nach oben und rief laut: »Can’t you see that I’m driving?«

Er selbst sagte darüber, er wisse nicht genau, was ihn bewegte, das zu tun. Aber er wisse genau, dass er seine Arbeit ab diesem Zeitpunkt anders begriffen habe – ohne den ganzen nervenden Druck – mit mehr Freude und Selbstverständlichkeit.«

M120, Moganshan re-used re-loaded

27. Juli 2010 von Chris

(click the pix)

Neulich brachten wir an dieser Stelle einen Beitrag von Susanne Junker über die Planung für das Projekt M120-Moganshan re-used in Shanghai.

Das Projekt, initiiert von Konstantin Bayer unter der Mitwirkung von stageBack Shanghai, Island6 Artcenter und der Galerie Eigenheim in Weimar, hat inzwischen mit großem Erfolg auf dem Abrissgelände der 120 Moganshan Road stattgefunden. Zahlreiche Besucher, Einwohner, einheimische und zugereiste Künstler kamen zusammen, um gemeinsam auf das rasante Verschwinden traditioneller Stadtviertel sowie die zunehmende Gentrifizierung und damit einhergehende architektonische Vereinheitlichung aufmerksam zu machen.

Natürlich wurde zu diesem Anlass reichlich Kunst geboten. In die abgerissenen Bauten integriert, zeigte sie auf direkte Weise, dass Ideen und künsterische Arbeiten sehr wohl auch ohne White Cube und VIP-Lounge wirken. Viele Künstler aus verschiedenen Disziplinen und Gegenden waren dabei, u.a. Gordon Chandler, Laurent Friquet, Konstantin Bayer, Liu Dao, Hiroshi Takeda, Thomas Rusch und natürlich unsere Interviewpartner Susanne Junker und Thomas Palme.

Besonders freut uns, dass das Projekt mitten in Shanghai und trotzdem ungestört stattfinden konnte. Denn gerade angesichts der parallel laufenden EXPO ist die Stadt zur Zeit besonders bestrebt, den perfekten Eindruck zu machen. Kritische Töne werden daher herkömmlicher Weise vehement unterbunden.

Susanne Junker brachte daher das Ausbleiben eines Verbot der Veanstaltung auf den Punkt: »Miracles do happen.«

Interview mit Frank Dehner

08. Juli 2010 von Kerstin
YouTube Preview Image

»Das ist meine Reality-Soap«

Frank Dehner absolvierte seine Schauspielausbildung in Göttingen und spielte am dortigen Schauspielhaus, bevor es ihn nach Köln zog. Hier überlegte er, den Weg zu Film und Fernsehen einzuschlagen und kam davon wieder ab, als er merkte, dass viele Produktionen vor Ort in Köln vor allem in schnellem Durchlauf gefertigt werden und nicht seinen Vorstellungen von Qualität entsprechen: »Gute Dinge brauchen einfach ihre Zeit.«

So blieb er dem Theater treu. Engagements ließen ihn zwischen Hamburg, dem Ruhrgebiet und Köln pendeln. »Irgendwie hatte ich damals so eine jugendliche Angst, dass ich nicht 25 werde. Als ich es dann doch geworden bin, wollte ich auch etwas Besonderes auf die Beine stellen – beispielsweise ein Theaterstück schreiben oder die Regie übernehmen.«

Doch wie das oft so ist, wenn man Pläne macht, schlägt das Leben gerne einen anderen Weg ein. In einem Hamburger Café stößt Frank Dehner zum ersten Mal auf ein vielen Menschen damals noch nicht bekanntes Erfrischungsgetränk namens Bionade. Er beschließt, es an seinem Wohnort heimisch zu machen. Neben seiner Schauspieltätigkeit beginnt er, die Belieferung von Gastronomien in der eigenen Nachbarschaft im Belgischen Viertel in Köln aufzubauen. Dabei leistet er mit viel Eigeninitiative Pionierarbeit für das Erfrischungsgetränk und schafft sich selbst nach und nach seinen heutigen Job, den Vertrieb in NRW.

In seiner freien Zeit entwickelt und baut Frank Dehner, zusammen mit einem Nachbarn, außergewöhnliche Leuchtobjekte. In einem kleinen Kellerraum, in dem auch unser Interview statt fand, entstehen Unikate, die ihre Fans und Abnehmer vor allem per Mundpropaganda im Freundes- und Bekanntenkreis finden. Auch darüber hinaus setzt Frank Dehner die Dinge ins rechte Licht. Mit viel Engagement, Know-how in Beleuchtung und feinem Gespür für Atmosphäre unterstützt er immer wieder Veranstaltungen in der Kölner Nachbarschaft.

Aus unserer Sicht steht die Geschichte von Frank Dehner als wunderbares Beispiel dafür, dass die oft so verschieden Dinge, die man im Leben lernt und tut – die vielen Facetten und Stärken des Einzelnen – sich letztlich auf einzigartige Weise ergänzen.

»Schauspiel ist für mich eine Konstellation auf eine Situation, auf eine Figur, und man wird, während man sich damit beschäftigt, ein anderer. Insofern ist es fast egal, in was ich mich hineinstelle, es zählt immer die Auseinandersetzung mit der Sache.«

Inspiration Lounge Interview mit Peter Kowalsky

17. Juni 2010 von Chris

(interview: scroll down) »Weißt Du, wann Du eine gute Idee hast? Wenn alle das Lachen anfangen.«

Falls es tatsächlich noch jemanden geben sollte, der BIONADE nicht kennt oder noch nicht probiert hat:

»Die BIONADE GmbH ist ein junges, innovatives Familienunternehmen, das biologisch hergestellte, alkoholfreie Erfrischungsgetränke unter der Marke BIONADE vertreibt. BIONADE ist das weltweit einzigartige alkoholfreie Erfrischungsgetränk, das durch Fermentation nach dem Brauprinzip rein biologisch hergestellt wird.« (Auszug Homepage Bionade)

»In aller Munde« ist eine Bezeichnung, die seit Jahren gut zu BIONADE passt. Die Geschichte dahinter, die, wie könnte es anders sein, bereits aus so manchem Blickwinkel beleuchtet wurde, erzählt sich fast wie ein Märchen. Fast. Und genau deshalb finden wir, dass sie geradezu als Parabel für kreatives Entwickeln stehen kann. Sie beinhaltet sozusagen »plastisch« die Höhen und Tiefen kreativen Schaffens, die einfach jeder kennt, der sich mit Überzeugung an die Verwirklichung einer Idee macht.

Da ist die meist unumgängliche Tatsache, dass man mit seiner Idee anfangs alleine da steht und einem andere in dieser Situation nicht unbedingt Mut machen. Oder die Energie, die es kostet, trotzdem weiter zu arbeiten – die Durststrecken und handfesten Probleme, die zu überwinden sind. Wer kennt außerdem nicht die Frage, wo und wann nach dauernden Entwicklungsphasen endlich das Geld herkommt? Und überhaupt: was passiert, wenn sich tatsächlich der große Erfolg einstellt? Wie geht man damit um, wenn dich auf einmal jeder kennt und eigentlich schon immer an dich geglaubt hat?

Teil 1 des Interviews startet, logisch, mit den Anfängen von BIONADE. Peter Kowalsky erzählt über die Gründe für die Entwicklung, über die ersten Schritte, die Reaktionen des Umfelds und wie das ist, wenn man glaubt, man sei nach zehn Jahren am glücklichen Ende einer Entwicklung – die in Wahrheit gerade erst richtig begonnen hatte…

YouTube Preview Image

In Teil 2 des Interviews folgt, wieso man den Weg meist gerade dann findet, wenn man vermeintlich gar keine Möglichkeit hat und warum es ganz gut ist, dass anhaltender Erfolg nicht über Nacht kommt.

YouTube Preview Image

Wir haben uns in der Inspiration Lounge zur Aufgabe gemacht, die vielen Facetten kreativen Denkens und Handelns zu ergründen. Weil es uns außerdem wichtig ist, diese unmittelbar aus persönlichen Blickwinkeln darzustellen, haben wir Peter Kowalsky, den Mitbegründer von BIONADE, nach seinen Erfahrungen gefragt. Für die Inspiration Lounge hat er uns die Geschichte von BIONADE aus seiner Sicht geschildert:

Wie das war, mit einer guten Idee in der Rhön, mitten in den 80er Jahren – ohne Internet und virtuelle Social Networks, warum ein Laser eine besondere Rolle spielte und woran man überhaupt erkennt, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Unser Inspiration Lounge Interview trägt dann auch den Titel: »Weißt Du, wann Du eine gute Idee hast? Wenn alle das Lachen anfangen.«

Inspiration Lounge Interviews mit Oliver Matter

17. Juni 2010 von Chris

(interview: scroll down) »Der Natur die Aromen zu entlocken und in die Flasche zu packen, das ist meine Herausforderung.

In der vierten Generation stellt die Erlebnisbrennerei Matter aus Kallnach in der Schweiz hochwertige Spirituosen her. Angefangen hat alles mit Ernst Luginbühl-Bögli. Zunächst vertrieb er Martinazzi Bitter, einen erstmals 1864 in Turin aus 25 Kräutern und Wurzeln hergestellten Aperitif, und erwarb dann 1928 das Rezept für die Produktion in der Schweiz.

Und noch einen »Grundstein« legte Ernst Luginbühl-Bögli: er erwarb ein Rezept für das Getränk, mit dem sein Urenkel Oliver Matter Jahre später sehr erfolgreich werden sollte: Absinthe. Seit 2005 hat sich die Matter-Luginbühl AG, geführt von Oliver und Nicole Matter, auf die Herstellung von authentischem Absinthe, hergestellt nach Rezepten aus dem 19. Jahrhundert, spezialisiert.

Wir besuchten Oliver und Nicole Matter in ihrer Brennerei in Kallnach und lernten zwei Menschen kennen, deren Faszination für ihre Tätigkeit geradezu greifbar ist. So werden beispielsweise Original-Rezepte für die verschiedenen Absinthe-Editionen aus alten Apothekerbüchern entnommen, nach denen man extra dafür in Antiquariaten sucht. Jeder Absinthe bekommt seinen einzigartigen, unkonventionellen Look. Die Kräuter für den Absinthe, sowie überhaupt die allermeisten Zutaten für die verschiedenen Produkte der Matter-Luginbühl AG, stammen aus der Schweiz. Und wenn sie dort nicht fündig werden, sorgen Oliver und Nicole Matter schon mal selbst vor: beispielsweise mit den eigenen Obstanlagen.

Nicht von ungefähr kommt daher auch der Titel unseres ersten Inspiration Lounge Interviews mit Oliver Matter: »Der Natur die Aromen zu entlocken und in die Flasche zu packen, das ist meine Herausforderung.«

YouTube Preview Image

Eine ganz besondere Zusammenarbeit gelang, als die Matter-Luginbühl AG mit Marilyn Manson einen extra für Manson zugeschnittenen Absinthe herstellte. Manson spielte nicht nur bei der Festlegung des speziellen Geschmacks die entscheidende Rolle, er stellte auch eine Zeichnung für das Etikett zur Verfügung. 2007 präsentierte er dann den exakt 66,6 % starken MANSINTHE erstmals in Köln, im Rahmen seiner ersten Kunstausstellung in Deutschland. MANSINTHE wird seitdem weltweit verkauft.

Die Zusammenarbeit mit Künstlern und Musikern sowie der damit unternommene Brücken-schlag zwischen dem mythenbelegten Getränk der Bohème um die vorletzte Jahrhundertwende und der zeitgenössischen Kunstwelt, setzt sich bei den Matters bis heute fort.

Künstler wie Gottfried Helnwein, HR Giger oder auch der vielen zunächst aus der Industrial-Szene bekannte Peter Christopherson lieferten bereits Artworks für besondere Absinthe-Editionen.

Und wie das so ist mit guten Ideen, die genauso gut in die Tat umgesetzt werden: sie finden ihren Weg und ihre Fans. Unser zweites Inspiration Lounge Interview mit Oliver Matter, in dem er über die Zusammenarbeit mit Marilyn Manson spricht, heißt daher auch:

»So einfach ist die Geschichte.«

YouTube Preview Image


Ideen und Initiatoren

15. Juni 2010 von Kerstin

(click the pix)

Wer kennt nicht Carl Spitzwegs »Der arme Poet«, der zurückgezogen in seiner Kammer mit den Versen ringt? Oder das Klischee vom einsamen Wissenschaftler, unermüdlich in seinem Labor vor sich hin bastelnd?

Sicher, es gibt kreative Köpfe, die dieses gerne bemühten Bilder bestätigen. Andererseits legen eingehende Forschungen über das Auftreten von Kreativität deutlich näher: Kreativ ist man besonders dann, wenn auch andere im Umfeld kreativ arbeiten. Eine solche Atmosphäre ist ganz offensichtlich ein großartiger Katalysator für besondere Ideen und deren Realisierung. Das gilt umso mehr, wenn Menschen aufeinander treffen, deren Ideen, Arbeit und Know-how Überschneidungen aufweisen, die zu neuen Blickwinkeln und Lösungen führen.

Faszinierend an den neuesten Animationsfilmen, wie zuletzt Avatar, finde ich daher, dass James Cameron zur Realisierung seiner Ideen jahrelang mit Hard- und Softwareentwicklern zusammenarbeitete. Ohne sie hätte der Film nicht entstehen können, mussten doch zunächst erst einmal die technischen Voraussetzungen für den graphischen Aufbau des Films geschaffen werden. Nicht nur Cameron und der FIlm profitierten von diesen Entwicklungen. Alle einbezogenen Entwickler erhielten reichlich Ideen und Motivation für das Voranbringen der neuen Technologien und der eigenen Fertigkeiten.

Noch ein Beispiel: Unser Interviewpartner Oliver Matter, der für die Herstellung seiner Absinthes nur die besten Rohstoffe verwendet, weiß, dass kurze Transportwege die besondere Frische von Kräutern und anderen Zutaten ausmachen. Da er viele Kräuter für die Absintheherstellung bereits von Bauern aus seiner direkten Umgebung bezieht, kam ihm die Idee, auch den Anbau von Koriander zu initiieren. Tatsächlich wurde Koriander zuvor nicht in der Schweiz angebaut, weil einfach niemand auf die Idee gekommen war. Es brauchte Oliver Matter und sein Bedürfnis nach erstklassigen Koriandersamen.

Sein Kräuterlieferant baute daraufhin unter Einsatz all seines Know-hows Koriander an, und siehe da: das Ergebnis war so hervorragend, dass heute niemand mehr den Korianderanbau in der Schweiz in Frage stellt. Oliver Matter hat den Koriander, den er braucht. Es resultieren geschmacklich einzigartiger Absinthe und ein Bauer, der ein neues Produkt verkaufen kann.

Gelungene Realisierungen brauchen gute Ideen. Ideen brauchen oft Initiatoren. Diese initiieren meist, weil sie etwas realisieren möchten, wozu sie die Hilfe anderer benötigen.

Daher: Statt mit Argusaugen die eigenen Ideen zu hüten – ist es nicht schlauer, sich öfter mal zu fragen: Was will ich wirklich realisieren? Wo kann ich initiieren?