
In einem Gespräch mit Freunden hörte ich neulich den Satz »In meinem Alter hat es keinen Sinn mehr, etwas zu ändern oder etwas neu anzufangen.« Dabei erinnerte ich mich an den Film Beginners, in dem ein Mann im Alter von 75 Jahren sein Leben nochmals umkrempelt.
Wie diese Filmfigur denke ich, dass man eigentlich immer die Möglichkeit hat, Dinge bewusst anders zu betrachten und zu tun. Als Beispiel greife ich hier Themen auf, die aktuell sehr oft beleuchtet werden:
Ich finde, dass es heute kein Problem bereiten sollte, die altbekannten Diskussionen über was kann die eine Nation, Kultur etc. besser als die andere endlich das sein zu lassen, was sie sind: Versuche der Eigendefinition, Aufwertung und Abgrenzung einer Gruppierung gegen die anderen da draußen. Auch die Leitartikel zum Thema Was Frauen besser können als Männer und Männer besser als Frauen wiederholen sich in schöner Regelmäßigkeit – allerdings ohne den Eindruck zu hinterlassen, dass sich dadurch in letzter Zeit, abgesehen von einem Augenzwinkern und Magazinverkäufen, irgendetwas Nennenswertes bewegt.
Wie wäre es also, Unterschiede nicht weiter nur als trennend, sondern als notwendige Ergänzungen zu betrachten und entsprechend zu agieren? Abgrenzungs-, Konkurrenz- und Wettbewerbsverhalten sind aber völlig natürlich, werden da viele meinen und dabei vielleicht zurück bis zu Darwin oder dem Beginn des Industriezeitalters denken. Doch Evolutionsbiologen wie Elisabet Sahtouris zeigen heute längst andere, fortgeschrittene Forschungsergebnisse und Blickwinkel auf: jedes selbsterhaltende, dauerhaft angelegte Ökosystem funktioniert nach den gleichen Grundprinzipien, nämlich Vielfalt in Koexistenz, Partizipation, Kooperation und systemische Nachhaltigkeit. Wie wäre es, daraus zu lernen?
Anderes Beispiel. Wie wäre es, konsequent zu beginnen, die alte Gedankenkluft zwischen sozial, kulturell und ökologisch sinnvollem Handeln einerseits sowie ökonomischem Handeln andererseits zu überwinden? Daran zu arbeiten, diese Aspekte durch neue oder in Vergessenheit geratene Ideen und Vorgehensweisen mehr zusammenzubringen statt sie weiter vor allem als Antagonismen zu behandeln – auch wenn es nicht leicht wird.
Ich kenne durchaus die geläufige Denkweise, dass derjenige, der sich für nachhaltige Entwicklungen einsetzt, nicht glaubwürdig sein kann, solange er mit seiner Arbeit am Ende auch unternehmerisch Geld verdienen will. Diese Sicht hat viel damit zu tun, wie sehr das Wort nachhaltig inzwischen von nicht nachhaltiger Politik und Wirtschaft instrumentalisiert wurde. Genauso damit, wie sehr wir heute aus Erfahrung gedanklich ein langfristig gesellschaftlich sinnvolles Handeln von unternehmerischem Handeln abgespalten haben.
Doch ist es nicht schlicht so, dass alle Unternehmer, ob nachhaltig ausgerichtet oder nicht, Geld verdienen müssen, wenn ihr Unternehmen weiter laufen soll? Werden Unternehmungen gerade in unserer Kultur nicht erst dann ernst genommen, wenn sie sich selbst tragen statt permanent auf Fördertöpfe angewiesen zu sein? Insofern ist doch nachvollziehbar, wenn gerade diejenigen, die tatsächlich nachhaltiges Wirtschaften voranbringen wollen, Wert darauf legen, damit das notwendige Geld zu verdienen. Wie sollten sie sonst wirksam nach außen zeigen, dass erfolgreiches ökonomisches Handeln eben auch anders geht und nicht heißen muss, dass man auf Menschen, deren Leben und Gesundheit sowie auf die Umwelt pfeift? Außerdem, nur wenn diese Unternehmen am Markt erfolgreich sind, werden andere folgen, und ist nicht das Sinn und Zweck eines angestrebten ökonomischen Wandels?
Schön und gut, mag mancher sagen, aber in den letzten Jahrhunderten gab es wenige glaubwürdige Beispiele für ein Zusammengehen von unternehmerischem Eigeninteresse mit echtem Interesse für Mitmenschen und Umwelt. Mag sein, aber wir leben nicht in der Vergangenheit, zu der auch unsere Erfahrungen gehören.
Noch dazu, so sagt es der 75-jährige Mann in Beginners, muss man nie aufhören, mit etwas anzufangen.