Tag: Entwicklung

Standing on the Shoulders of Giants

09. März 2012 von Kerstin

(remix)

Als ich neulich den Link zu der sehenswerten Videoreihe Everything is a Remix erhielt und die Filme sah, musste ich sofort an eine Kommentardiskussion über neue und sekundäre Ideen denken, die durch das Interview kreativ unternehmen auf diesem Blog in Gang kam.

Bekannterweise erzeugen wir unsere Ideen, ob sogenannt primär oder sekundär, nicht in einem Vakuum, sondern profitieren bei allem Nachdenken über neue Wege und Möglichkeiten immer von dem, was an Ideen und Umsetzungen bereits von anderen in die Welt gebracht wurde. Schauen wir tatsächlich ein Stück weiter als das, was diejenigen vor uns gedacht und getan haben, so liegt es eben, wie Bernhard von Chartres schon um 1120 formulierte, insbesondere daran, dass wir dabei auf den Schultern von Riesen stehen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können.

So unterschiedlich die Motivation sein kann, kreativ zu werden und Ideen in die Tat umzusetzen – angefangen von der Unzufriedenheit mit dem Status Quo bis zu Forscher- und Entdeckergeist – die Vorgehensweisen von einer bestehenden, bekannten zur neuen Situation sind meist bestechend ähnlich.
Wie Everything is a Remix es nahelegt: copy, transform, combine.

Teil 4 der durch, logisch, aufwändigen Remix entwickelten Filmreihe geht dann auch auf die Grenzen dieser Vorgehensweise ein – den Schutz geistigen Eigentums vor dem Kopieren, der heute von vielen als Kreativitätsbremse und Eingriff in ein irgendwie gefühltes Grundrecht auf freie Verwertbarkeit aufgefasst wird. Mal ganz abgesehen davon, dass die Verfechter der freien Verwertbarkeit oft nicht diejenigen sind, die schon Mengen an geschütztem geistigen und gut verwertbaren Eigentum angesammelt haben: die Weiterentwicklung von Urheber- und Verwertungsrechten steht sicherlich mehr als vor der Tür.

Und auch dabei wird gelten, was Bernhard von Chartres schon vor fast 900 Jahren erkannte.

anfangen

29. Februar 2012 von Kerstin

In einem Gespräch mit Freunden hörte ich neulich den Satz »In meinem Alter hat es keinen Sinn mehr, etwas zu ändern oder etwas neu anzufangen.« Dabei erinnerte ich mich an den Film Beginners, in dem ein Mann im Alter von 75 Jahren sein Leben nochmals umkrempelt.

Wie diese Filmfigur denke ich, dass man eigentlich immer die Möglichkeit hat, Dinge bewusst anders zu betrachten und zu tun. Als Beispiel greife ich hier Themen auf, die aktuell sehr oft beleuchtet werden:

Ich finde, dass es heute kein Problem bereiten sollte, die altbekannten Diskussionen über was kann die eine Nation, Kultur etc. besser als die andere endlich das sein zu lassen, was sie sind: Versuche der Eigendefinition, Aufwertung und Abgrenzung einer Gruppierung gegen die anderen da draußen. Auch die Leitartikel zum Thema Was Frauen besser können als Männer und Männer besser als Frauen wiederholen sich in schöner Regelmäßigkeit – allerdings ohne den Eindruck zu hinterlassen, dass sich dadurch in letzter Zeit, abgesehen von einem Augenzwinkern und Magazinverkäufen, irgendetwas Nennenswertes bewegt.

Wie wäre es also, Unterschiede nicht weiter nur als trennend, sondern als notwendige Ergänzungen zu betrachten und entsprechend zu agieren? Abgrenzungs-, Konkurrenz- und Wettbewerbsverhalten sind aber völlig natürlich, werden da viele meinen und dabei vielleicht zurück bis zu Darwin oder dem Beginn des Industriezeitalters denken. Doch Evolutionsbiologen wie Elisabet Sahtouris zeigen heute längst andere, fortgeschrittene Forschungsergebnisse und Blickwinkel auf: jedes selbsterhaltende, dauerhaft angelegte Ökosystem funktioniert nach den gleichen Grundprinzipien, nämlich Vielfalt in Koexistenz, Partizipation, Kooperation und systemische Nachhaltigkeit. Wie wäre es, daraus zu lernen?

Anderes Beispiel. Wie wäre es, konsequent zu beginnen, die alte Gedankenkluft zwischen sozial, kulturell und ökologisch sinnvollem Handeln einerseits sowie ökonomischem Handeln andererseits zu überwinden? Daran zu arbeiten, diese Aspekte durch neue oder in Vergessenheit geratene Ideen und Vorgehensweisen mehr zusammenzubringen statt sie weiter vor allem als Antagonismen zu behandeln – auch wenn es nicht leicht wird.

Ich kenne durchaus die geläufige Denkweise, dass derjenige, der sich für nachhaltige Entwicklungen einsetzt, nicht glaubwürdig sein kann, solange er mit seiner Arbeit am Ende auch unternehmerisch Geld verdienen will. Diese Sicht hat viel damit zu tun, wie sehr das Wort nachhaltig inzwischen von nicht nachhaltiger Politik und Wirtschaft instrumentalisiert wurde. Genauso damit, wie sehr wir heute aus Erfahrung gedanklich ein langfristig gesellschaftlich sinnvolles Handeln von unternehmerischem Handeln abgespalten haben.

Doch ist es nicht schlicht so, dass alle Unternehmer, ob nachhaltig ausgerichtet oder nicht, Geld verdienen müssen, wenn ihr Unternehmen weiter laufen soll? Werden Unternehmungen gerade in unserer Kultur nicht erst dann ernst genommen, wenn sie sich selbst tragen statt permanent auf Fördertöpfe angewiesen zu sein? Insofern ist doch nachvollziehbar, wenn gerade diejenigen, die tatsächlich nachhaltiges Wirtschaften voranbringen wollen, Wert darauf legen, damit das notwendige Geld zu verdienen. Wie sollten sie sonst wirksam nach außen zeigen, dass erfolgreiches ökonomisches Handeln eben auch anders geht und nicht heißen muss, dass man auf Menschen, deren Leben und Gesundheit sowie auf die Umwelt pfeift? Außerdem, nur wenn diese Unternehmen am Markt erfolgreich sind, werden andere folgen, und ist nicht das Sinn und Zweck eines angestrebten ökonomischen Wandels?

Schön und gut, mag mancher sagen, aber in den letzten Jahrhunderten gab es wenige glaubwürdige Beispiele für ein Zusammengehen von unternehmerischem Eigeninteresse mit echtem Interesse für Mitmenschen und Umwelt. Mag sein, aber wir leben nicht in der Vergangenheit, zu der auch unsere Erfahrungen gehören.

Noch dazu, so sagt es der 75-jährige Mann in Beginners, muss man nie aufhören, mit etwas anzufangen.

Personal Jesus

08. Februar 2012 von Kerstin

Neulich lief ich in der Winterkälte mit unserem Hund um einen zugefrorenen Weiher und mein Blick fiel auf mehrere Spaziergänger. Wie magisch angezogen von der dicken Eisfläche auf dem Weiher verließen sie die angelegten Pfade, um vorsichtigen Schrittes ihren Weg direkt über das Eis zu nehmen. Jetzt wollte ich natürlich auch selbst testen, wie dick die Eisschicht ist, als sich unser Hund durch lautes Bellen bemerkbar machte. Keine zehn Pferde hätten ihn bewegt, mir auf’s Eis zu folgen.

Interessant, dachte ich, so fasziniert wir von dieser seltenen Gelegenheit sind, uns bewusst auf’s Glatteis zu bewegen, so wenig versteht der Hund, warum das eiskalte Nass, das er bisher kennt, auf einmal begehbar sein sollte. Da sieht man, wie beschränkt Hunde sind, dachte ich, als mir auffiel, wie oft wir selbst vor solchen »Eisflächenmomenten« stehen. Und unter uns: verhalten wir uns nicht ähnlich? Wir scheuen vor Situationen zurück, mit denen wir nicht sofort etwas anfangen können, weil wir sie irgendwie anders gewöhnt sind.

Eingebunden in den Alltag verdrängen wir gerne, dass sich die Welt, wie wir selbst, jeden Tag ändert und neue Situationen entstehen. Erkennen wir es in manchen Augenblicken doch, indem wir die allseitige, umtriebige Geschäftigkeit für einen Moment unterbrechen, sind für uns, wie bei der Eisfläche, auf einmal neue Handlungsmöglichkeiten im Spiel. Gehen wir dann streng nach dem, was wir Erfahrung nennen – nach »das ist immer so« oder »so macht man das« – wenden wir schon gelernte Verhaltensweisen einfach weiter an und wähnen uns auf der sicheren Seite, statt wirklich passend zur speziellen Situation zu agieren.

Wir haben Glück. Im Gegensatz zu Hunden sind wir in der Lage, uns selbst zu erklären, warum eine Eisfläche heute trägt, wo gestern das Wasser noch flüssig war. Unsere Blickwinkel, auch die geistigen, sind an sich in der Lage, Veränderungen und neue Optionen wahrzunehmen.

Warum also nicht offener sein für die feinen Unterschiede und dementsprechend handeln? Dann lässt sich auch erkennen, dass man manchmal tatsächlich über Wasser gehen kann.

Ein Teil vom Ganzen_Teil 2

31. Januar 2012 von Kerstin

(stille | sein | denken)

Was also passiert, wenn man unsere bekannten und genutzten Weisen der Ideenfindung auf das Bewusstsein für unsere ökologischen Einbindungen hin betrachtet?

Es fällt auf, dass wir uns weitgehend daran gewöhnt haben, unsere Ideenentwicklungen in Büroräumen stattfinden zu lassen. Manche gehen auch in Café, um mithilfe von Brainstorming oder Mindmapping auf die passenden Gedanken zu kommen. Eines haben all diese Situationen gemeinsam: man sitzt längere Zeit, bewegt sich wenig und hält sich überwiegend in geschlossenen Räumen mit wenig Frischluft und Sonnenlicht auf. Einziger Bezug zur ökologischen Einbindung sind da bestenfalls ein paar Topfpflanzen. Wen wundert, dass in solchen Umgebungen so viele entstehende Produktideen nur zur weiteren Überflusserzeugung beitragen, statt sich unserer echten Herausforderung von Produktion in Einklang mit Leben und Umwelt anzunehmen.

Wie wäre es, wenn wir uns aufmachen, neue Wege zu finden, wie wir Ideenentwicklungen mehr mit einem tatsächlichen Bewusstsein für unsere ökologischen Einbindungen verknüpfen können? »Es lohnt sich in diesem Zusammenhang genauer zu betrachten, auf welche Lebensweisen und Umgebungen wir als Menschen bis heute angepasst sind«, sagt dazu unser Inspiration Lounge Partner Felix Klemme, Gründer von Outdoor Gym. Wir sind für ein aktives Leben in und mit der Natur gemacht. Frische Luft, d.h. Sauerstoff unterstützt unsere gesamten Körperfunktionen, natürliches Licht kurbelt beispielsweise die Produktion von Vitamin D an, Bewegung löst auch geistige Verspannungen und bringt uns insgesamt mehr »in Fluss«. Der Blick bis zum Horizont statt auf den Bildschirm oder die nächste Wand und der direkte Kontakt zum Grün um uns herum bringen die Gedanken in andere Richtungen.

Ich bin immer wieder selbst erstaunt, wie viel klarer die Dinge dann erscheinen können, wie viel selbstverständlicher Ideen plötzlich da sind. Und es sind oft die ganz naheliegenden, einfachen und reduzierten Wege und Lösungen, die auf einmal zu sehen sind, während man sonst alles gerne verkompliziert und sozusagen noch einen Schnörkel zusätzlich anbringt. All das zeigt, dass wir als Teil des Ganzen nicht dafür gemacht sind, uns viele Stunden lang sitzend oder sogar grübelnd in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Wir haben uns das lediglich als Lebens- und Arbeitsweisen angewöhnt, die uns über viele Jahre Praxis heute selbstverständlich erscheinen, es aber nicht sind.

Nach vielen Jahren unzähliger Ideenentwicklungen drinnen und im Gegensatz zu unseren ökologischen Einbindungen – wäre es nicht wert auszuprobieren, ob wir mit der Zeit andere, bessere und an sich einfache Ideen und Lösungen für unsere drängenden Produktionsfragen finden, wenn wir statt weiter nur über einzelne »Kreativitätstechniken« nachzudenken mal die ganze Art und Umgebung unserer Ideenentwicklungen verändern?

Und wie soll das in größeren Unternehmen oder im städtischen Umfeld dauerhaft funktionieren, höre ich da schon fragen. Wer soll das organisieren?

Brechen wir doch unsere Routinen auf und gehen raus. Ich bin sicher, uns fällt was ein.

Ein Teil vom Ganzen

29. Januar 2012 von Kerstin

(Was wollen wir mehr, oder?)

Wenn man sich intensiv mit einem bestimmten Thema befasst, stellt sich gerne selektive Wahrnehmung ein. Genau diese ließ mich vor einiger Zeit das Buch Small is Beautiful des Wirtschaftswissenschaftlers Ernst Schumacher entdecken – ein echtes Gesamtkunstwerk, wie ich finde.

Bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb Schumacher darin eindringlich eine aus seiner Sicht grundlegende Ursache für die Tatsache, dass wir einerseits Wohlstand, Lebensqualität und Sicherheit erstreben, während wir dadurch andererseits zunehmende Fehlentwicklungen lostreten: wir haben unser Bewusstsein für unsere sozialen und ökologischen Einbindungen aus den Augen verloren. Ausgestattet mit Wissen und Technik seien wir so überzeugt von unserer herrschenden Position, dass wir dabei über Jahrhunderte einen wesentlichen Aspekt vergessen hätten: wir sind nur ein Teil des Ganzen.

Als ich das las, begann ich mir vorzustellen, wie wir auf die Dinge und Abläufe in unserem Alltag blicken würden, wenn wir das Bewusstsein für unsere Einbindungen wieder mehr kultivierten. Was könnte passieren? Ich fing bei einem Gedanken an, der ebenfalls auf Ernst Schumachers Werke zurückgeht: »Wir könnten uns endlich von der Ansicht befreien, wir hätten unsere Probleme betreffend die Produktion von Gütern seit Jahrzehnten gelöst.« Tatsächlich leben wir hier und heute im Güterüberfluss und sind, mit dem Verweis auf unser Mantra Wirtschaftswachstum angehalten, mehr zu kaufen und zu konsumieren. Auf dem Weg zur Arbeit nehmen wir einen Coffee to go, im Supermarkt wählen wir zwischen Tausenden Produkten, wir nutzen Autos, Computer und Smartphones, bestellen Bücher im Internet. »Es herrscht an nichts Mangel. Es geht uns gut. Was wollen wir mehr, oder?«

Tatsächlich stößt man relativ schnell auf eine Mangelsituation, wenn man unsere sozialen und ökologischen Einbindungen sowie uns selbst als Teil des Ganzen in die Situation hineindenkt. Angenommen, jeder von uns betrachtet für nur einen Tag die Dinge, die ihn umgeben, die er zu sich nimmt etc.; wie viele davon beruhen auf erneuerbaren Rohstoffen und Energien und belasten nicht, sondern erhalten die Welt. Bei welchen wissen wir genau, dass sie unter sozialen Bedingungen hergestellt werden, die zumindest in Ordnung sind? Angenommen unsere Aufgabe wäre jetzt, ausschließlich Dinge zu verwenden, die diesen Anforderungen genügen – wäre es immer noch so völlig problemlos und alles wie gewöhnt, das zu beziehen, was wir kennen, brauchen und haben wollen. Die Antwort ist einfach: Nein. Denn erstens ist es oft schwierig, solche Güter zu finden. Sie stehen nur selten im Supermarkt an der Ecke und ihre Namen werden nicht durch die Medien in unsere Augen und Ohren gespült. Zweitens: es gibt hier und heute unglaubliche Lücken, in denen nicht nur die entsprechenden Güter fehlen. Es gibt auch keine ernsthaften Anstrengungen, daran wirklich etwas zu ändern. (Wem jetzt dazu kein Beispiel einfällt, der schaue einfach das Produkt an, vor dem er gerade lesend sitzt.)

Ganz offensichtlich trifft zu, dass wir die grundlegenden Produktionsfragen trotz aller Technik, allem Fortschritt und allem Wissen über die Fehlentwicklungen bis heute nicht gelöst haben. Seltsam, dass wir uns nicht viel mehr darüber wundern. Noch seltsamer, mit welcher Geduld (oder Desinteresse?) wir zuschauen, während immer weiter Produkte entwickelt werden, die nur den schon bekannten Überfluss befördern. Am seltsamsten allerdings ist, dass wir nicht viel mehr darüber nachdenken, an welcher Stelle man selbst eine Lücke schließen und mal zu echtem Fortschritt beitragen könnte.

Liegt es daran, dass wir die Lücken nicht sehen, obwohl doch so viele nach Marktlücken suchen? Oder liegt es auch an der Art und Weise, in der wir gewohnt sind, Ideen zu entwickeln?

Mehr in Teil 2.