Tag: Arbeit

Machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief

24. August 2010 von Kerstin

Christoph Schlingensief wurde von vielen Seiten gerne als Provokateur bezeichnet. Schubladen sind eben bequem für den Kopf. Ich habe ihn live erlebt und kam für mich zu dem Schluss, dass er die Dinge einfach so gesagt und menschlich bzw. kulturell ausgedrückt hat, wie er sie wichtig und richtig fand. Wenn das in den Augen vieler Personen eine Provokation darstellt, sagt das vielleicht weniger über Christoph Schlingensief als vielmehr über den geistig-kulturellen Zustand einer Gesellschaft.

Ebenfalls sehr viel zu diesem Thema sagt folgende Begebenheit: Christoph Schlingensief traf 2009, zusammen mit anderen Kollegen der Berlinale-Jury, auf Angela Merkel. Der Berliner Morgenpost berichtete er darüber später:

Das war erschreckend. Da sitzen ihr Henning Mankell und Tilda Swinton beim Kaffeetrinken gegenüber, und sie stellt keine Fragen. Da wird nur gefragt, ob man noch ein Stückchen Kuchen möchte. Im Büro zeigte sie uns so eine potthässliche Marmorplatte mit Kamelen an der Tränke, die ihr irgendein Ölscheich geschenkt hatte. Das mussten wir uns alle angucken. Und als ich mal auf das Adenauer-Porträt von Kokoschka zuging, was wirklich ein schönes Bild ist, dann sagte sie nur: „Ja, aber machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief, ha, ha, ha.“ Mankell, Tilda und Wayne Wang haben hinterher unabhängig voneinander gefragt: „Ist die immer so?“

Can’t you see that I’m…

08. August 2010 von Kerstin

Gestern sprach ich mit einer Freundin, die seit langer Zeit Kurzgeschichten schreibt. Sie erzählte mir, wie sehr es sie immer wieder erstaune, wenn andere sie fragen, ob sie denn nicht davor Angst habe, dass ihr auf einmal keine gute Idee mehr einfallen könnte.

»Oft kommen diese Fragen gerade dann, nachdem ich eine meiner Geschichten erfolgreich verkauft habe. Ich weiß also, dass mehr als eine Hand voll Menschen diese Geschichte gut fanden. Kurz darauf bin ich natürlich schon bei den nächsten Geschichten und just da kommt dann die Frage nach meiner Angst vor dem Ausbleiben guter Ideen. Das ist, offen gesagt, nicht unbedingt förderlich. Ich finde es auch nicht ganz nachvollziehbar, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Ich habe den Eindruck, dass nur Leuten aus per se kreativen Berufen diese Frage gestellt wird. Würde man einen Konditor, der gerade einen guten Kuchen gebacken hat fragen, ob er nicht fürchtet, dass ihm schon morgen die Ideen für guten Kuchen ausgehen könnten?

2. Die Frage geht gedanklich davon aus, dass ich mir alle Ideen zu meinen Geschichten ausdenke, dass sie aus mir allein »herauskommen«, praktisch einfach so. Ich muss nur meinen Kopf genug bemühen, um auch noch in den letzten Winkeln meines Hirns eine Geschichte zu erfinden. Und wenn mir das nicht mehr gelingt, ist alles zu Ende. Leute, diese Sichtweise übt einen enormen Druck aus, weshalb ich mir schon vor einiger Zeit eine andere Auffassung zugelegt habe.

Diese basiert auf einer Gewohnheit der alten Römer. Brachte damals jemand etwas besonderes zustande, sprach man davon, er habe einen Genius gehabt. Der Genius half einem dabei, aus der täglichen Arbeit und dem eigenen Engagement etwas wirklich Beeindruckendes zu schaffen. Interessant ist übrigens, wie sich die Redensart im Laufe der Jahrtausende verschoben hat, denn heute sprechen wir nicht mehr von einen »Genius haben«, sondern von selbst ein »Genius sein«. Gingen die Römer also selbstverständlich davon aus, man brauche zur ganz besonderen Leistung auch noch Hilfe von außen oder von oben (je nachdem, wie man es sehen will), verlagerte sich die Verantwortung danach auf den Schaffenden allein. Kein Wunder, dass damit erheblicher Druck und Versagensangst verbunden sein kann. Kein Wunder auch, wie viele Künstler, Schriftsteller oder auch Wissenschaftler sich schon damit gequält haben.

Sieht man es mehr so wie die Römer, erhält die ganz Angelegenheit ein freundlicheres Gesicht. Statt immensem Druck, alles aus sich selbst heraus entstehen lassen zu müssen und dabei völlig allein zu sein, muss ich nur mit meinem ganzen Engagement weiter an meinen Dingen arbeiten. Ich schaue also, dass ich »meinen Teil« der Arbeit stetig und immer so gut wie möglich mache. Ich kann zwar nicht dafür garantieren, dass ein Genius jeden Tag genauso konzentriert bei der Sache ist und »seinen Teil« dazu liefert. Aber ich gehe doch davon aus, dass er zumindest ab und zu reinschaut, solange ich mich weiter über und dranbleibe. Bis heute klappt das gut so.

Es gibt dazu auch eine schöne Geschichte von bzw. über Tom Waits. Wir alle kennen wüste Stories über ihn und es heißt vor allem, er habe sich lange Jahre immer wieder in unglaublicher Tag- und Nachtarbeit unter zahlreichen »Hilfsmitteln« abgearbeitet, um die vielen Songs entstehen zu lassen. Eines Tages aber »passierte« ihm Folgendes.

Er fuhr gerade mit dem Wagen durch L.A., als ihm eine Idee, eine Melodie durch den Kopf schoss. Normalerweise ging er in solchen Momenten sofort an’s Klavier und zu Stift und Papier, um die Melodie festzuhalten. Das ging jetzt aber nicht, und er geriet fast in Stress vor Angst, die Melodie zu verlieren. Doch stattdessen fuhr er an den Straßenrand, hielt an, sprang aus dem Auto, schaute leicht erzürnt nach oben und rief laut: »Can’t you see that I’m driving?«

Er selbst sagte darüber, er wisse nicht genau, was ihn bewegte, das zu tun. Aber er wisse genau, dass er seine Arbeit ab diesem Zeitpunkt anders begriffen habe – ohne den ganzen nervenden Druck – mit mehr Freude und Selbstverständlichkeit.«

ÜberArbeiten

06. Mai 2010 von Kerstin

(click the pix)

Gerade gestern stieß ich beim Sichten eines aufgezeichneten Inspiration Lounge Interviews auf die Aussage unseres Interviewpartners, er habe sein Hobby zum Beruf gemacht.

Wir führen inzwischen seit über zwei Jahren Interviews mit Menschen aus unterschiedlichen kreativen Bereichen, und es ist beeindruckend, wie oft dieser Satz genau so oder ähnlich gefallen ist. Das ist auch der Grund, warum ich irgendwann begonnen habe, bei unseren Interviewpartnern nachzuhaken, warum sie von »Hobby« sprechen und ob das, was sie tun, denn nicht eigentlich Arbeit sei.

Alle haben ausnahmslos bestätigt, dass die Umsetzung ihrer Ideen, um davon zu leben, mit sehr viel Arbeit verbunden ist. Trotzdem sei Hobby auch treffend, denn schließlich gehe es ja darum, das zu tun, was einen fasziniert und umtreibt. Das wieder sei ja auch der Grund, warum man viel Arbeit und Anstrengung aufbringen kann, ohne sich lange überwinden zu müssen.

Wenn ich von diesen Aussagen erzähle, gab es,  je nach Umgebung, schon häufiger zwei Reaktionen: Die eine nennt ganz schnell den Begriff der kreativen Selbstausbeutung, die andere spricht davon, dass ein »Hobby« ja offensichtlich keine richtige Arbeit sein kann, sondern viel eher nach Spaß klinge.

Im ersten Fall erzähle ich dann beispielsweise von PUPLIK.ORG, die wir neulich interviewten. Zum Thema kreative Selbstausbeutung antworteten sie: »Wir entwickeln unsere Projekte, weil wir das ständig und gerne tun. Wir machen das nicht nur, weil es um Geld geht. Es geht um die Umsetzung unserer Ideen, und dafür bleiben wir dran – so oder so. Wie kann das aus unserer Sicht kreative Selbstausbeutung sein?

Im zweiten Fall frage ich gerne zurück, wie trostlos die Welt in den Augen derer aussehen muss, in der wir erst »richtig« arbeiten, wenn es nur Pflicht ist, wenn es uns eigentlich widerstrebt, nichts mit den eigenen Ideen zu tun hat und schon gar keine Freude macht.

Auch unseren Interviewpartner Manuel Odendahl habe ich gefragt: »Warum sprichst Du von Hobby?«  Antwort: »Weil das Wort Arbeit, so wie es heute meist verstanden wird, nicht passt. Und tatsächlich, der Begriff Arbeit schein reif für die Überarbeitung. Na, dann mal los.

Das Salz von Motoi Yamamoto

22. April 2010 von Chris

sankt peter, köln, m.yamamotoGestern trafen wir auf einen Künstler, der uns mit seiner Arbeit begeistert hat: Motoi Yamamoto. Im Rahmen der Art Cologne ist seine Einzelausstellung »Labyrinth« zu sehen.

Schon der Ausstellungsort ist außergewöhnlich. Im ausgeräumten Kirchenschiff von St. Peter stehe ich vor einer ca. 120 qm flächigen Salzskulptur. Ein feingezogenes Labyrinth sich filigran verästelnder Wege, der Abstand immer gleichbleibend, ein Ornament voller Schönheit und radikaler Schlichtheit.

Versteckt hinter einer Säule steht ein japanisches Filmteam. Kurze Zeit später interviewen sie den leise und sehr bedacht sprechenden Motoi Yamamoto, 44, geboren in Hiroshima. Sein Arbeitsmittel ist Salz. Salz, das in der japanischen Welt für innere Reinigung steht. Fasziniert hat mich an seinem Werk der enorme Arbeitsaufwand und das Wissen, dass das Labyrinth einfachen mechanischen Reizen ausgesetzt ist. Sobald ein Zuschauer daneben tritt, was tatsächlich auch passierte, ist sein Werk, zumindest teilweise, zerstört. Aber darum geht es meiner Ansicht. Der aktive Prozess des Machens, die Geduld und Präzision, mit der eine Handlung vollzogen wird. Die Erkenntnis, dass in diesem Machen auch immer Vergängliches liegt. Bei Ausstellungsende nimmt sich jeder Besucher ein wenig Salz mit und soll es, nach der Idee des Künstlers, wieder dem Meer zuführen.

Später erfuhren wir dann auch von den Problemen, mit denen Motoi Yamamoto während seiner 12 bis 15-stündigen Arbeitsphasen zu kämpfen hatte. Nach Tagen kniend, den Rücken mit Anti-Schmerzpflastern getaped, halfen ihm abends nur noch ein heißes Bad und ein Bier.

Schließlich hat er es geschafft. Das Ergebnis ist mehr als sehenswert.

Motoi Yamamotos blog.

Wenn der Postmann ein Mal klingelt

21. April 2010 von Kerstin

reneAls ich neulich das Inspiration Lounge Interview von René Tinner bearbeitete, habe ich lange Zeit überlegt, welche Abschnitte der Videoaufnahme Teil des inzwischen veröffentlichten Interviewfilms werden sollen. Da René so viele interessante Dinge erzählt hat, war die Auswahl schwer. Immer wieder habe ich verschiedene Teile in neuen Variationen zusammengestellt. Ein um’s andere Mal wurde der Film auf diese Weise zu lang.

Mitten in diesem Hin- und Herprobieren fiel mir plötzlich auf, dass René während des Interviews etwas erzählt hatte, dass genau zu meiner Situation passte.

»Du hast heute, gerade auch durch die Technik, wahnsinnig viele Möglichkeiten. Es bleibt aber die Frage: wann ist der Song fertig?

So ist das, nicht nur in der Musik. Unglaublich viele Möglichkeiten, Interviewmomente, Gesagtes einzubringen und zusammenzufügen, aber wann kommt der Film raus? Also habe ich mich weiter erinnert, was René sagte:

»Bei CAN war der Song immer um zehn Uhr morgens fertig. Da kam der Bote, um das Material in’s Presswerk zu bringen. Also haben wir immer das Beste getan, das bis dahin möglich war. Wäre der Bote am Tag darauf um zehn gekommen, hätten ich den Song genau bis dahin fertig gestellt. Ob er dann besser gewesen wäre, wer weiß?

Genau das ist es. Man muss einen Punkt finden, an dem es in diesem Moment gut ist. An dem man das getan hat, was bis dahin wirklich wichtig und machbar war. Klar, mit mehr Zeit könnte man immer noch dies oder das tun, noch einen Aspekt einbauen, noch mal überlegen, überarbeiten…unter uns: wann ist es wirklich perfekt? Für wen? Und auch noch nach einigen Tagen, Jahren? Wie oft denkt man selbst, sobald man etwas mit zeitlichem Abstand betrachtet: das würde ich heute anders machen?

So ein Bote ist prima. Er drängt einen, Dinge fertig zu machen, ein Ergebnis zu haben. Nicht zu vergessen, es gibt immer die Möglichkeit, beim nächsten Mal anders oder noch besser zu sein. Plus: man hat dann schon Feedback (wenn man es hören will), und jedenfalls ein Stück mehr Erfahrung. Also besser einen Zeitpunkt bestimmen, an dem ein Projekt raus muss.

Oder noch besser: Boten für alle.