Susanne Junker_Künstlerin_stageBack, Shanghai

12. Februar 2010 von Kerstin

susanne_portrait (click the pix) Vibrierendes zum Jahreswechsel

Neulich wurde ich von einer guten Freundin aus dem Design-bereich gefragt, welches meine fünf Lieblingsgegenstände seien. Ein nettes Thema, mit dem man sich augenblicklich sehr wichtig fühlt, wohlwissend, das Materialismus eigentlich Quatsch ist, denn das letzte Hemd hat keine Taschen und die inneren Werte sind sowieso am wichtigsten.

Trotzdem, was sind denn meine »lebenswichtigen« fünf Dinge, die mir besonders vielbedeuten und ohne die ein tägliches Ein-und Ausatmen nicht möglich wäre? Ich denke nur an den Weltumsegler und seinen Kompass, bei dem dies wirklich so ist. Aber auch ganz schamlos an mich selber und sehe mich in ein voller Rauch brennendes Haus rennen um heldenhaft genau diese Sachen zu retten. Als die Entscheidung fiel, gehörten zu meiner Auswahl unter anderem meine Schweizer Uhr, ein Polaroid einer gefesselten Babypuppe des Fotografen Araki und ein Vibrator. Und ich musste feststellen, Arakis sind gesellschaftsfähiger als Vibratoren.

Am 14 Februar 2010 wird es in Shanghai auch wieder vibrieren, denn es ist Neujahr. Und zwar stundenlang, dann tagelang, dann flaut es etwas ab bis zum vierten Abend, an dem Reichtum gepriesen wird. Dafür wird nochmals richtig geschossen mit dem Feuerwerk der Tradition und des Aberglaubens und Geldes. Das Geknalle dauert ungefähr 8 Tage und fängt meistens um 6 Uhr morgens an. Das Neujahrsfest ist der wichtigste Feiertag in China. Er ist heilig! Es ist der Moment, an dem sich enge Familienmitglieder sehen, unvorstellbar, zwangsweise oft nur einmal im Jahr. Aber was soll’s?

Denn seit kurzem ist es amüsant zu beobachten, wie sich westliche Restaurants in Shanghai ins Zeug legen, um ihre »100 Euro zum Verlieben-Menüs« für genau diesen Tag anzupreisen. Denn am Vierzehnten ist doch eigentlich und hauptsächlich Valentinstag, und was soll das überhaupt mit diesem komischen Neujahr? Ein neu zugezogenes westliches Paar diniert ganz verlassen in einem dieser Gourmet-Tempel, und stellt dar, wie der Mond es zumindest bei der asiatischen Bevölkerung unserer Erde geschafft hat, die Marketingstrategie der rosaroten Konsumliebe in den Sand zu fahren. Genial ist es, einmal nicht amerikanisiert zu werden, denke ich, während Luna mich anlacht. Das Pärchen unterhält sich noch etwas über G2. Dann schenkt er ihr zum Dessert einen Vibrator »Made in China«. Dies wünsche ich der kerzengerade platzierten Dame aufrichtig.

Es gibt ja schon genügend Kreationen von stocksteifen stehenden oder sitzenden Frauen, die alleine oder in Gruppen mit glasigen Augen vor sich hinstarren. Es ist nicht verwunderlich, dass die Erfinder dieser Arbeiten auf dieses Frauenbild kamen. Man sieht oft blutleere und stocksteife Frauen im wirklichen Leben, oder die dich in einer Designerklamotte gekleidet aus der Zeitschrift fragen: »Haste mal ’nen Euro, Du?«. Ja, alle Models sollten wenigstens diesen Satz sagen können. Sonst darf man nicht mitmachen.

Nennen wir sie mal die »Stockfrauen«. Die haben viel Erfolg in der Mode und auch Kunstwelt, und es kommt mir fast vor, dass die Stockfrauenkritik der Kunst zur Verherrlichung verworren wurde. Denn einer großen italienischen Stiftung hat eines dieser Werke im Ganzen so gut gefallen, dass es weiter und weiter ging. Diese verkaufen auch Blusen mit Stockfrauen an Stockfrauen. So schließt sich der Kreis.

Wir Künstler betrinken uns zusammen fast täglich und bleiben nächtelang auf. Dann kommt es schon des öfteren zu Gesprächen von und über und was hinter den privaten Türen passiert. Erstaunlich viel Negatives, Unbefriedigendes wird preisgegeben. Liegt es daran, dass das gesamte weibliche moderne System nicht genügend masturbiert? Also auch die jungen Künstlerinnen nicht genügend der Autoerotik frönen? Oder es nicht können? Hier zitiere ich das Wort »Stutenbissig« (mein Spellcheck gibt mir gerade Putenbissig, auch lustig). Ich liebe dieses Wort, welches nicht in meinem Vokabular war, denn ich lebe im Ausland, und da lernt man selten neue deutsche Wörter dieses Kalibers.

Stutenbissigkeit ist ein wahres Problem in der weiblichen Welt. Wir sitzen am Computer und denken uns noch mehr Stöcke aus, geradlinig und mit Konzeptknauf und schreiben verbissen Emails. Es wird kalkuliert, kühl sinniert und zielstrebig geplant. Während wir den linken Fuß um den rechten Knöchel schlingen und dann festzurren und etwas Druck ausüben, um der Entspannung willen. Dies ist schon mal nicht schlecht aber nicht genug. Wie passiert denn all die weibliche Kreation, ohne seinen eigenen Körper kennen zu lernen – das Weiblichste in der Grundstufe? Die Zeit wird für gefletschte Mäuler verschwendet, um seinen Mann, in was immer einer Form er sich darstellt, zu verteidigen.

Moderne Vibratoren haben heutzutage bessere Pressemitteilungen als so mancher Schauspieler. Laut »Der Welt« hat jeder fünfte Haushalt in Deutschland so ein Ding. Dies sollte nach meinem Geschmack viel mehr sein. Leider geht es der Zunft schlecht, »Abwrackprämien werden seit neuestem ausgeteilt, um das Business wieder in Schwung zu bringen« heißt es. Und doch, es ist tabu diesen Zauberstab zu besitzen, und schlimmer noch, zuzugeben, dass er auch verwendet wird. Somit ist der weibliche Körper tabu. Folglich ist der weibliche Körper auch für seinen eigenen Trägerinnen tabu. Und die jungen Girls schnippeln an sich rum, um den weiteren Stockmenschengenerationen zu gefallen.

Die wilden Weiber, die alles auf den Kopf stellen und Köpfe verdrehen, um sich dann selber mit Lust den Kopf zu verdrehen und zudem und gerade dadurch noch gute Kunst machen. Das Saftige, Fleischige gab’s doch schon mal, oder? Im neuen Jahr des Metall-Tigers ist dies einer meiner Wünsche. Sich selber kennen zu lernen und Feuerwerke zu verspüren. Geistig und körperlich. Ohne zu schummeln! Wichtig! Sonst geht gar nichts!

9 Antworten zu “Susanne Junker_Künstlerin_stageBack, Shanghai”

  1. Pingback von inspiration lounge by le tapir » Blog Archive » Absolutly vibrant — 12. Februar 2010 @ 15:35

    [...] Anfang macht, passend zum chinesischen Neujahr: Vibrierendes zum Jahreswechsel. [...]

  2. Kommentar von franz400 — 12. Februar 2010 @ 19:25

    ganz meine meinung. wichsen macht in der tat unabhängig! man muß es ja nicht ständug machen. aber davon ist in dem schönen beitrag von frau junker ja auch nicht die rede. wichsen sollte endlich einen neuen gesellschaftlichen stellenwert bekommen. was hat denn das ganze konsum – rumgebumse der spaßgesellschaft gebracht? eine krise!

  3. Kommentar von evelyn — 12. Februar 2010 @ 20:03

    jawohl – ein Artikel mit Saft und Kraft. Weiter so.

  4. Kommentar von Tomtom — 13. Februar 2010 @ 16:07

    Habe gerade auch noch die Fotos der Dame gesehen. Für mich macht der Text den perfektem Sound zu den Bildern. Wann sind die nächsten Ausstellungen?

  5. Pingback von le tapir Gesellschaft für Kultur und Kommunikation — 13. Februar 2010 @ 18:06

    [...] In ihrem ersten Beitrag lässt uns Susanne Junker dann auch direkt an ihren Blickwinkeln auf Shanghai und die Welt teilhaben. Passend zum chinesischen Neujahr liefert sie uns  »Vibrierendes zum Jahreswechsel«. [...]

  6. Pingback von inspiration lounge by le tapir » Blog Archive » Coverboys — 12. März 2010 @ 10:47

    [...] the Pix) Gestern schickte uns Susanne Junker aus Shanghai diese Foto-Message, die wir Euch natürlich genauso wenig vorenthalten wollen wie das [...]

  7. Pingback von inspiration lounge by le tapir » Blog Archive » Gordon Chandler – eine Liebesbeziehung — 9. April 2010 @ 18:49

    [...] Junker ist Kommunikationspartnerin der Inspiration [...]

  8. Pingback von inspiration lounge by le tapir » Blog Archive » BEHIND – Thomas Rusch bei stageBack — 21. Juni 2010 @ 17:19

    [...] Susanne Junker, unsere Frau in Shanghai, meldet sich wieder zurück. Im Gepäck hat sie den Fotografen Thomas Rusch. Diese Portraitserie ist tatsächlich ein Trip ins Archetypische. Wer in Shanghai ist, sollte sich dies bei stageBack nicht entgehen lassen. Die »heute-mal-nicht-so-weit-Flieger« gehen hier direkt zum Blog. [...]

  9. Pingback von inspiration lounge by le tapir » Blog Archive » Interview mit Susanne Junker — 25. Juni 2010 @ 11:04

    [...] Susanne Junkers »Vomiting World« ist dann auch eine Umgebung, in der die Bilder sehr unmittelbar entstehen, weil »es halt so ist und immer weitergehen muss. Weil wir uns alle ständig selbst durch unser Machen bestätigen müssen, dass wir da sind und gebraucht werden.« [...]

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