Die Twitter-Erfolgsmuster

12. Oktober 2009 von Chris

gastautor: volker bombien, Lektor|Senior Editor, O'ReillyWir freuen uns, Volker Bombien mit seinem ersten Artikel als Gastautor in der Inspiration Lounge zu begrüßen:

Ich beschäftige mich in diesem Beitrag mit der Frage, welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren, dass Twitter so erfolgreich wurde.

1. Twitter ging von Beginn (2006) mit einer offenen Schnittstelle an den Start. Diese so genannte API (Application Programming Interface) erlaubt es, alle Tweets aller Twitterer abzufischen und in andere Dienste zu integrieren.

2. Dies führte zu der Ausbildung einer ausgeprägten Kernel-/Plugin-Architektur, DAS Wachstumsmodell von moderenen Open-Source-Projekten wie Linux, Firefox oder Nagios. Die Twitter-Kernanwendung wurde schon bald von einer schier unüberschaubaren Zusatzdienste umrahmt.

3. Dadurch wurde Twitter extrem anwendungsflexibel – ein Dienst für viele unterschiedliche User-Bedürfnisse. War Twitter von seinen Entwicklern anfänglich wirklich gedacht als eine Online-Anwendung, die Freunde untereinander darüber informierte: »What are you doing«, so wurden die Anwendungszwecke durch Zusatzdienste täglich erweitert.

4. Es hört sich paradox an, aber gerade die Abwesenheit eines erfolgversprechenden Business-Modells ermöglichte Twitter erst die Flexibilität, sich zu dem zu entwickeln, was es heute ist.

5. Der Twitter-Account ist kostenlos und innerhalb weniger Minuten ohne jedes technische Vorwissen selbst erstellt. Die Twitter-Mitgliedschaft verpflichtet zu nichts und kann jederzeit vom User gekündigt werden.

6. Es wird keinerlei (kultur-)technisches Vorwissen benötigt, um zu twittern. Es gibt kein richtiges und kein falsches Twittern und keine Instanz, die festlegt, was korrekt oder was verpönt ist. Vorerfahrungen in anderen Online-Kulturtechniken wie Bloggen o.ä. sind keine notwendigen Qualifikationen fürs Twittern; jeder kann auf den Zug aufspringen.

7. Twitter kann von vielen Geräten aus empfangen und bedient werden: PC, Handy, Smartphone, Netbook. Die Beschränkung auf 140 Zeichen ermöglicht die erträgliche Darstellung auch auf mobilen Geräten. Ein Tweet ist auch schnell von unterwegs geschrieben, ein Foto leicht gemacht und als Link getwittert.

8. Menschen müssen das unübersichtliche Internet nach für sie relevanten Inhalten filtern. Freunde stellen dabei einen sehr effektiven, vertrauenswürdigen Filter dar. Was der Freund (die Institution/die Firma) für interessant hält, ist auch für mich interessant.

9. Twitter kann ohne großen zusätzlichen Zeitaufwand in den beruflichen und privaten Online-Alltag integriert werden. Das asynchrone Kommunikationsmedium Twitter erlaubt jederzeit einen temporären Ausstieg aus dem Lesen des Tweet-Stromes; wenn wieder mehr Zeit vorhanden ist, widmet man sich intensiver um seine Tweets.

10. Bin ich bei Twitter Alltagsjournalist oder Leser solcher Tweets? Bin ich Konsument von Nachrichten – oder Produzent? Empfehle ich dieses Restaurant oder folge ich der Empfehlung eines Twitterers? Kommentiere ich meinen Alltag dokumentaristisch oder erfreue ich mich an den originellen Kommentar-Tweets anderer? Das Verschwimmen der Sender-/Rezipienten-Grenzen macht schwindelig – ein schönes Gefühl.

11. In Twitter wird vieles quantifizierbar: wie viele Followers, wie viele Followings? Wie viele Tweets empfangen, wie viele verschickt? Wie viele Resonanz durch Retweeten? Das vielfältige Quantifizieren erleichtert das Erlernen einer recht frischen, neuen Kulturtechnik: soziale Beziehungen online auf- bzw. ausbauen und pflegen.

(volker bombien)

Anm. der Redaktion:
Punkt 4.
ist mal wieder ein schönes Beispiel dafür, dass es offensichtlich immer wieder Menschen gibt, die es nicht so machen, wie es nach gängigen Business-Ratgebern gemacht werden muss – und die, man höre und staune, trotzdem oder gerade deshalb etwas auf die Beine stellen.

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