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29. Februar 2012 von Kerstin

In einem Gespräch mit Freunden hörte ich neulich den Satz »In meinem Alter hat es keinen Sinn mehr, etwas zu ändern oder etwas neu anzufangen.« Dabei erinnerte ich mich an den Film Beginners, in dem ein Mann im Alter von 75 Jahren sein Leben nochmals umkrempelt.

Wie diese Filmfigur denke ich, dass man eigentlich immer die Möglichkeit hat, Dinge bewusst anders zu betrachten und zu tun. Als Beispiel greife ich hier Themen auf, die aktuell sehr oft beleuchtet werden:

Ich finde, dass es heute kein Problem bereiten sollte, die altbekannten Diskussionen über was kann die eine Nation, Kultur etc. besser als die andere endlich das sein zu lassen, was sie sind: Versuche der Eigendefinition, Aufwertung und Abgrenzung einer Gruppierung gegen die anderen da draußen. Auch die Leitartikel zum Thema Was Frauen besser können als Männer und Männer besser als Frauen wiederholen sich in schöner Regelmäßigkeit – allerdings ohne den Eindruck zu hinterlassen, dass sich dadurch in letzter Zeit, abgesehen von einem Augenzwinkern und Magazinverkäufen, irgendetwas Nennenswertes bewegt.

Wie wäre es also, Unterschiede nicht weiter nur als trennend, sondern als notwendige Ergänzungen zu betrachten und entsprechend zu agieren? Abgrenzungs-, Konkurrenz- und Wettbewerbsverhalten sind aber völlig natürlich, werden da viele meinen und dabei vielleicht zurück bis zu Darwin oder dem Beginn des Industriezeitalters denken. Doch Evolutionsbiologen wie Elisabet Sahtouris zeigen heute längst andere, fortgeschrittene Forschungsergebnisse und Blickwinkel auf: jedes selbsterhaltende, dauerhaft angelegte Ökosystem funktioniert nach den gleichen Grundprinzipien, nämlich Vielfalt in Koexistenz, Partizipation, Kooperation und systemische Nachhaltigkeit. Wie wäre es, daraus zu lernen?

Anderes Beispiel. Wie wäre es, konsequent zu beginnen, die alte Gedankenkluft zwischen sozial, kulturell und ökologisch sinnvollem Handeln einerseits sowie ökonomischem Handeln andererseits zu überwinden? Daran zu arbeiten, diese Aspekte durch neue oder in Vergessenheit geratene Ideen und Vorgehensweisen mehr zusammenzubringen statt sie weiter vor allem als Antagonismen zu behandeln – auch wenn es nicht leicht wird.

Ich kenne durchaus die geläufige Denkweise, dass derjenige, der sich für nachhaltige Entwicklungen einsetzt, nicht glaubwürdig sein kann, solange er mit seiner Arbeit am Ende auch unternehmerisch Geld verdienen will. Diese Sicht hat viel damit zu tun, wie sehr das Wort nachhaltig inzwischen von nicht nachhaltiger Politik und Wirtschaft instrumentalisiert wurde. Genauso damit, wie sehr wir heute aus Erfahrung gedanklich ein langfristig gesellschaftlich sinnvolles Handeln von unternehmerischem Handeln abgespalten haben.

Doch ist es nicht schlicht so, dass alle Unternehmer, ob nachhaltig ausgerichtet oder nicht, Geld verdienen müssen, wenn ihr Unternehmen weiter laufen soll? Werden Unternehmungen gerade in unserer Kultur nicht erst dann ernst genommen, wenn sie sich selbst tragen statt permanent auf Fördertöpfe angewiesen zu sein? Insofern ist doch nachvollziehbar, wenn gerade diejenigen, die tatsächlich nachhaltiges Wirtschaften voranbringen wollen, Wert darauf legen, damit das notwendige Geld zu verdienen. Wie sollten sie sonst wirksam nach außen zeigen, dass erfolgreiches ökonomisches Handeln eben auch anders geht und nicht heißen muss, dass man auf Menschen, deren Leben und Gesundheit sowie auf die Umwelt pfeift? Außerdem, nur wenn diese Unternehmen am Markt erfolgreich sind, werden andere folgen, und ist nicht das Sinn und Zweck eines angestrebten ökonomischen Wandels?

Schön und gut, mag mancher sagen, aber in den letzten Jahrhunderten gab es wenige glaubwürdige Beispiele für ein Zusammengehen von unternehmerischem Eigeninteresse mit echtem Interesse für Mitmenschen und Umwelt. Mag sein, aber wir leben nicht in der Vergangenheit, zu der auch unsere Erfahrungen gehören.

Noch dazu, so sagt es der 75-jährige Mann in Beginners, muss man nie aufhören, mit etwas anzufangen.

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kreativ unternehmen_Teil 2

19. Februar 2012 von Kerstin

(thomas fuhlrott_zait)

K: Wann bist Du denn zum ersten Mal mit dem Thema Entrepreneurship in Berührung gekommen?

T: Das war während meines Studiums in Berlin. Ich habe Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert, und im Rahmen des Studiums gab es regelmäßig Gastvorlesungen von Professoren aus anderen Studienfächern. Dadurch besuchte ich eines Tages eine Vorlesung von Professor Faltin, der schon damals an der FU Berlin den Arbeitsbereich Entrepreneurship aufgebaut hatte und leitete. Inzwischen gibt es natürlich mehrere Universitäten, die diesen Bereich anbieten. Doch Günter Faltin hatte lange Zeit den einzigen Lehrstuhl für Entrepreneurship in Deutschland. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass das Thema Entrepreneurship hier und heute zu einem wichtigen Thema geworden ist.

Ich habe jedenfalls seine Vorlesung besucht und schnell entdeckt, dass mich das Thema fasziniert. Das lag zum einen daran, dass mir bewusst wurde: es gibt für jeden die Möglichkeit, mit einer wirklich guten Idee und einem runden Konzept ein Unternehmen zu gründen. Gerade heute setzen Gründungen nicht mehr unbedingt große Kapitalmengen und aufwändige Produktionsstätten voraus. Dazu kam, dass ich schon damals ein großes Interesse an kreativen, innovativen Prozessen hatte. Ich interessiere mich sehr für kulturelle Bereiche wie Kunst und Musik, in denen eine Avantgarde immer wieder die Grenzen des bis dahin Bekannten hinterfragt und bricht. Wäre ich nicht auf das Thema Entrepreneurship gestoßen, ich hätte mir gut vorstellen können, nach dem Studium im Kulturbereich zu arbeiten. Doch es kam anders.

Ich begriff, dass Entrepreneurship der Weg ist, das Hinterfragen und Aufbrechen von konventionellen Denk- und Handlungsweisen in die Ökonomie zu tragen. Dass Kreativität auch in der Ökonomie eine ungemein wichtige Rolle spielt und nicht nur der Kunst oder Musik vorbehalten ist. Überhaupt, wie ich mit meinen Ideen im ökonomischen Feld etwas bewegen und Dinge positiv verändern kann – zeigen kann, wie es anders geht, gerade auch indem ich meine kreativen Interessen und Fähigkeiten kombiniere.

Als Entrepreneur kreativ zu sein, hat außerdem noch einen Vorteil: du erwirtschaftest deine finanziellen Mittel selbst. Läuft es gut, kannst du deine Tätigkeit weiter ausbauen und in neue Ideen investieren. Läuft es nicht, merkst du das unmittelbar. Viele Kunst- und Kulturschaffende hängen dagegen mit ihren Projekten von Fördermitteln ab und verbringen daher viel Zeit mit dem Stellen von Anträgen und mit Warten. Darauf hätte ich keine Lust. Noch dazu: ohne die Ökonomie geht es eben nicht. Auch die gesamte Kulturförderung hängt letztlich an einer funktionierenden Wirtschaft. Sieht man dies zusammen mit der Tatsache, dass wir nicht weiter auf ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum mit steigendem Ressourcenverbrauch setzen können, finde ich umso wichtiger, in diesem großen Bereich Ökonomie endlich mehr qualitative, zukunftsfähige Entwicklungen auf den Weg zu bringen. Dazu beizutragen macht mir große Freude.

K: Herzlichen Dank für das Interview.

Interview Teil 1

KATZAGSCHROI

(katzagschroi_schwäbisches heiligtum)

Zum Abschluss stellen wir dieses Mal ein Rezept vor, dass zwei Dinge aus unterschiedlichen Regionen vereint: bestes Olivenöl aus Katalonien/Spanien und schwäbischen Erfindergeist. Das Gericht heißt original Katzagschroi.

Für 4 Personen braucht man 500 g gekochtes Rindfleisch, das man in schmale Streifen schneidet. 2 größere Zwiebeln schneidet man in dünne Ringe, einen säuerlichen Apfel sowie eine gelbe und rote Paprika ebenfalls in schmale Streifen. Wer mag, kann außerdem noch eine Karotte in dünne Stifte schneiden.

Als nächstes rührt man aus einem Teelöffel scharfem Senf, aus Salz, schwarzem Pfeffer, Essig und Olivenöl eine Vinaigrette, die man mit dem Saft einer halben Orange abschmeckt.

Nun gibt man alle Zutaten in die Vinaigrette, mischt ordentlich durch, verteilt das Katzagschroi auf vier Tellern und streut klein geschnittenen Schnittlauch darüber.

Fertig.

Dazu passt am besten Weißbrot und ein Schnaiter Wartbühl.

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kreativ unternehmen_Teil 1

16. Februar 2012 von Kerstin

(thomas fuhlrott, zait_neue olivenöle)

Mit Thomas Fuhlrott, dem Gründer von zait, sprachen wir bereits über seine Auffassung von Produktqualität und haben erfahren, inwiefern für ihn bei der Entwicklung des Konzepts von zait auch Gedanken des Sozialreformers John Ruskin wesentlich waren. Nach vielen Fakten über Qualität und Haltung fanden wir, jetzt ist die Zeit, einmal ganz zum Anfang zu gehen. Wir haben Thomas Fuhlrott deshalb gefragt, warum er vor über zehn Jahren beschloss, das Konzept von zait zu entwickeln, durch dessen Umsetzung in die Tat er zum Entrepreneur wurde.

K: Thomas, wie war das damals? Wolltest Du schon lange vorher in diese Richtung gehen?

T: Ich hatte nicht schon ganz lange Zeit den Gedanken, ein Unternehmen zu gründen. Das hängt damit zusammen, dass man nicht einfach so plant, Entrepreneur zu werden, wie man vielleicht planen würde, später einmal Anwalt oder Angestellter zu sein. Eine Gründung, wie unsere bei zait, hängt unmittelbar mit der Tatsache zusammen, eine eigene Geschäftsidee zu haben und diese in die Realität bringen zu wollen. Wer keine Idee hat, kommt gar nicht auf den Gedanken einer Gründung. Wozu auch? Es braucht schon eine Art Initialzündung, um Entrepreneur zu werden. Und sicher kommt ein grundlegendes Interesse dazu, selbstständig zu arbeiten.

K: Allerdings gibt es auch genügend Menschen, die sich viele Jahre vornehmen, ein Unternehmen aufzubauen. Sie schauen sich genau den Markt an und gründen dann im Stil von etwas, das es bereits gibt. Anders gesagt, sie kopieren es auf ihre Art mit mehr oder weniger Erfolg.

T: Ja, das gibt es natürlich, aber das hätte uns gelangweilt, und mir hätte dazu auch der Antrieb gefehlt. Der wesentliche Unterschied bei dem Thema Entrepreneurship ist eben: man bringt tatsächlich eine neue Idee, ein neues Konzept sowie andere Sicht- und Vorgehensweisen in die Welt. Man bricht auf, um zu sehen, ob eine bestimmte Sache, und bei uns ist das der Handel mit Olivenöl, anders funktionieren kann und damit gegenüber der bestehenden Situation neue Potenziale aufzeigt. Das ist eine völlig andere Motivation als beispielsweise etwas, das bereits da ist, einfach nur etwas günstiger oder ein bisschen besser anbieten zu wollen. Etwa so, wie in den bekannten Waschmittelwerbungen, in denen die Firmen seit Jahrzehnten behaupten, sie hätten ihr Produkt jetzt noch besser gemacht. Unter uns: wie unglaublich gut müssten diese Produkte heute sein? Außerdem ändert dieser Weg kaum etwas bis gar nichts an den konventionellen Vorgehensweisen. Wir wollten dagegen von Anfang an neue Impulse setzen.

Die Situation gestaltete sich folgendermaßen: durch eine veröffentlichte Studie der EU erfuhren wir, dass Olivenöl das meist gepanschte und verfälschte Lebensmittel im EU-Raum ist. Das und natürlich die Tatsache, dass wir selbst Olivenölfans sind, hat uns dazu motiviert, uns in den Mittelmeerländern ein eigenes Bild zu machen. Wir sind dabei auf sehr qualitätsorientierte Ölproduzenten getroffen, die unter den damaligen Bedingungen selbst keine Möglichkeiten sahen, ihre Produkte erfolgreich auf den deutschen Markt zu bringen. Hinzu kam, dass wir immer mehr bemerkten, wie wenig die EU durch ihre handelspolitischen Entscheidungen auf eine bessere Ölqualität hinwirkt. Sie tut bis heute meist das Gegenteil und verhilft damit entsprechenden Interessengruppen zu Vorteilen. Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, profitieren wir als Verbraucher nicht davon.

Diese Aspekte waren damals unsere Initialzündung. Unser Antrieb war und ist, an dieser Situation etwas zu ändern, und das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir die bis dahin bestehenden Wege genauso wie alle anderen gegangen wären. Unser Anspruch, eine andere Art, Olivenöl zu handeln erfolgreich in die Welt zu bringen, erforderte in jedem Bereich neue Ideen und Vorgehensweisen. Entwicklung und Umsetzung waren deshalb echte Herausforderungen, und auch heute ist es immer wieder spannend, unser Konzept noch weiter voranzubringen.

K: War Dir während der Entwicklung und Gründung von zait bewusst, dass Du als Entrepreneur agierst? Ich frage auch deshalb, weil viele Menschen die Begriffe Entrepreneur und Unternehmer völlig gleichsetzen.

T: Mir war bewusst: die Figur des Entrepreneurs steht für neue Ideen, Eigenverantwortung und innovative Handlungsweisen, die den ökonomischen Bereich, und nicht allein diesen, verändern und voranbringen. Genau das wollte ich. Unternehmer ist der allgemeine Begriff. Um Unternehmer zu sein, muss man nicht zwingend neue Impulse setzen wollen. Die Wörter Unternehmer und Manager sind allerdings deutlich mehr in unserem Sprachschatz verankert, vor allem in gedanklicher Verbindung mit dem Begriff Business Administration. So denken viele Leute, eine erfolgreiche Unternehmensgründung sei kaum möglich ohne einen Studienabschluss in diesem Fach. Dabei liefert Business Administration, wie das Wort schon sagt, vor allem das »Handwerkszeug« zur Verwaltung eines Unternehmens und sagt allein noch nichts über das Vorliegen einer zündenden und innovativen Idee. Zuviel Ausrichtung an konventionellen betriebswirtschaftlichen Denk- und Vorgehensweisen kann bei der Ideen- und Konzeptentwicklung sogar hinderlich sein, wenn es vom Querdenken abhält. Das hat beispielsweise Anita Roddick, die Gründerin von The Body-Shop, in ihrem Zitat zum Ausdruck gebracht: »Hätte ich Business Administration studiert, ich hätte das Unternehmen niemals gegründet.«

Ende Interview Teil 1.

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CELling feat. Florian Zwißler

10. Februar 2012 von Chris

(trio cel + florian zwißler)

Live-Konzert mit Florian Zwißler und dem Trio CEL, im Loft, cologne, 03.02.12.

Neue Musik für offene Ohren.

Das Jazz Blog.

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Personal Jesus

08. Februar 2012 von Kerstin

Neulich lief ich in der Winterkälte mit unserem Hund um einen zugefrorenen Weiher und mein Blick fiel auf mehrere Spaziergänger. Wie magisch angezogen von der dicken Eisfläche auf dem Weiher verließen sie die angelegten Pfade, um vorsichtigen Schrittes ihren Weg direkt über das Eis zu nehmen. Jetzt wollte ich natürlich auch selbst testen, wie dick die Eisschicht ist, als sich unser Hund durch lautes Bellen bemerkbar machte. Keine zehn Pferde hätten ihn bewegt, mir auf’s Eis zu folgen.

Interessant, dachte ich, so fasziniert wir von dieser seltenen Gelegenheit sind, uns bewusst auf’s Glatteis zu bewegen, so wenig versteht der Hund, warum das eiskalte Nass, das er bisher kennt, auf einmal begehbar sein sollte. Da sieht man, wie beschränkt Hunde sind, dachte ich, als mir auffiel, wie oft wir selbst vor solchen »Eisflächenmomenten« stehen. Und unter uns: verhalten wir uns nicht ähnlich? Wir scheuen vor Situationen zurück, mit denen wir nicht sofort etwas anfangen können, weil wir sie irgendwie anders gewöhnt sind.

Eingebunden in den Alltag verdrängen wir gerne, dass sich die Welt, wie wir selbst, jeden Tag ändert und neue Situationen entstehen. Erkennen wir es in manchen Augenblicken doch, indem wir die allseitige, umtriebige Geschäftigkeit für einen Moment unterbrechen, sind für uns, wie bei der Eisfläche, auf einmal neue Handlungsmöglichkeiten im Spiel. Gehen wir dann streng nach dem, was wir Erfahrung nennen – nach »das ist immer so« oder »so macht man das« – wenden wir schon gelernte Verhaltensweisen einfach weiter an und wähnen uns auf der sicheren Seite, statt wirklich passend zur speziellen Situation zu agieren.

Wir haben Glück. Im Gegensatz zu Hunden sind wir in der Lage, uns selbst zu erklären, warum eine Eisfläche heute trägt, wo gestern das Wasser noch flüssig war. Unsere Blickwinkel, auch die geistigen, sind an sich in der Lage, Veränderungen und neue Optionen wahrzunehmen.

Warum also nicht offener sein für die feinen Unterschiede und dementsprechend handeln? Dann lässt sich auch erkennen, dass man manchmal tatsächlich über Wasser gehen kann.

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