Category: ALLE INTERVIEWS

Interview mit Stefan Sander

07. Oktober 2010 von Chris
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»Wenn man es so sieht, ziehen wir viele Kinder groß«

Die Geschichte des Weingut Sander in Mettenheim (Rheinhessen) geht bis in das Jahr 1726 zurück.  Schon seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde auf das gesetzt, was es zu einem der führenden Weingüter der Region werden ließ: den konsequenten Verzicht auf chemisch-synthetische Mittel. Gemäß der Überzeugung des Großvaters Ottoheinrich Sander »… Gesunde Reben wachsen nur auf gesunden Böden« wird auch heute zugunsten der Weinqualität bewusst auf hohe Erträge verzichtet.

Aufgrund intensiver Beobachtungen war Ottoheinrich Sander zu der Überzeugung gekommen, dass der bisherige Weg der Weinbergsbewirtschaftung früher oder später in die Sackgasse führen musste. Die Probleme der Monokultur, der Bodenerosion und Humusverarmung sowie der Anfälligkeit der Trauben für Schädlinge begriff er schon damals als Herausforderung. Seit mehr als 50 Jahren werden die Weinberge daher ausschließlich ökologisch bearbeitet. Der Grundgedanke von Nachhaltigkeit im Sinne des Umweltschutzes sowie die Schonung natürlicher Ressourcen sind damit im Weingut Sander schon zu einer Zeit selbstverständlich, in der an vielen anderen Orten voll auf Kunstdünger gesetzt wurde.

Seit fünf Jahren führen Stefan Sander und seine Frau das Weingut. Selbstverständlich erfolgt der Ausbau der Weine auch heute nach den modernsten Erkenntnissen der Önologie. Höchste Aufmerksamkeit wird darauf verwendet, die Reben wie den Wein in ihrer gesamten Entwicklung zu begleiten, jedem Weinjahrgang seine besondere Qualität zu verleihen und dabei den jeweils spezifischen Lagencharakter immer weiter herauszufeilen.

Auch der Austausch mit anderen Winzern ist Stefan Sander sehr wichtig. Schon sein Vater Gerhard, der den Betrieb seit 1979 leitete, vertrat den Standpunkt: der Blick über den Tellerrand ermöglicht »Maßstäbe, nach denen man sich streckt«. Dementsprechend ist Stefan Sander ein Gründungsmitglied der Initiative junger WinzerInnen »Message in a bottle.«

Das Weingut Sander ist außerdem Mitglied der internationalen Gruppe La Renaissance des Appellations, in der über 153 Spitzenweingüter aus vielen Ländern vertreten sind. Die Betriebe arbeiten alle seit mindestens drei Jahren zertifiziert ökologisch, die meisten – wie das Weingut Sander – biodynamisch. La Renaissance des Appellations gastierte in den letzten Jahren stets mit großem Erfolg, u.a. in Bordeaux, New York, Tokio und Los Angeles.

Stefan Sander und seine Familie verbinden seit vielen Jahren ihr Bewusstsein für die eigene Weinbaukultur und den eigenen Weg mit guter Beobachtungsgabe und Querdenken. Es kostet Mut und Weitblick, zu einer Zeit auf ein rein »ökologisches Pferd« zu setzen, in der Ökologie für die allermeisten ein Fremdwort war. Es zeugt gleichzeitig von einem Sinn für Tradition, wenn Stefan Sander sich heute in der Verantwortung gegenüber den vorangegangenen und den kommenden Generationen sieht. »Ich habe ungefähr 30 Jahre, um hervorragende Weine zu machen. Das ist nur ein kleiner Stein in unserer Weinbaugeschichte.«

Selbst mit Begeisterung Winzer, gibt Stefan Sander sein Wissen, seine Erfahrung und sein Bewusstsein für die Kombination von Bewährtem und neuen Ideen auch als überbetrieblicher Ausbilder an junge Winzer weiter.

Dass Leidenschaft, Engagement und Qualitätsdenken ein guter Weg sind, lässt sich im Weingut Sander bestens ablesen: zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen sprechen für sich. Wer sich gerne selbst überzeugen will, fährt nach Mettenheim und kostet. Unsere besonderen Favoriten: Riesling und Sauvignon Blanc.

www.weingut-sander
www.message-in-a-bottle

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Interview mit Prof. Dr. Harald Welzer

23. September 2010 von Chris
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»Ich verspreche mir die größten Veränderungen durch Veränderungen.«

Prof. Dr. Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Als Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen leitet er zudem Teilprojekte des Forschungsschwerpunkts KlimaKultur am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Außerdem ist er Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke und Affiliated Member of Faculty am MARIAL-Center der Emory University (Atlanta/USA) und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Akademien.

Die Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftliche Klimafolgenforschung.

Lange wurden der Klimawandel und seine Folgen lediglich unter naturwissenschaftlichen Blickwinkeln betrachtet. Ausgehend von seiner eingehenden Forschung über Gruppengewalt, begann Prof. Dr. Welzer vor einigen Jahren, die Folgen des Klimawandels unter kulturwissenschaftlichen Aspekten zu erforschen. Ein Schwerpunktthema ist dabei die Entstehung von Gewaltkonflikten aufgrund sich ändernder Klimabedingungen.

Die kulturwissenschftliche Klimafolgenforschung beschäftigt sich daher mit Bereichen, die durch die zuvor rein naturwissenschaftliche Betrachtung des Klimawandels keine Beachtung fanden: die Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen, auf die kulturellen Strukturen.

Wie sehen diese Auswirkungen aus und wie kann der Einzelne agieren angesichts der bevorstehenden sowie bereits im Gange befindlichen Klimaverschiebungen und sozialen Umwälzungen? Wo liegen Möglichkeiten, positiv einzuwirken?

Das Interview führten wir in der Europäischen Akademie in Otzenhausen. Zeitgleich fand dort das von Klaus Wiegandt und Harald Welzer geleitete Kolloquium >Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung: Wie sieht die Welt von morgen aus? < statt, bei dem zahlreiche Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen, u.a. Kulturwissenschaft, Sozialpsychologie, Wirtschaftswissenschaft, Biochemie und Astrophysik, zusammentrafen.

Auswahl der Veröffentlichungen von Prof. Dr. Harald Welzer:

· »Opa war kein Nazi!« Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis.
· Täter.
Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden.
· »Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird«

· Zusammen mit Claus Leggewie  »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten«
· »Apo statt Kalypse«, Handeln in der Krise, (FAZ)

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Interview mit PUPLIK. ORG

26. August 2010 von Chris
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»… wie ein Tigerhai, der sein Maul aufreißt und alles filtert.«

Diane Müller und Werner Magar sind PUPLIK.ORG. Public Space is our Livingroom ist ihr Motto. Seit 2006 schaffen Diane Müller und Werner Magar gemeinsam Kunst im öffentlichen Raum und sorgen dadurch bei vielen für so manchen neuen Blickwinkel und spannende Durchbrechungen gewohnter Denk- und Verhaltensstrukturen.

Ihre Ideen und Projekte sind dabei äußerst vielfältig: Da sind Interventionen, wie beispielsweise The Crossroadfitnessfunlight oder die Gesangsperformance Hell’s Angies & Hartz IV Chor, die allseits bekannte Schlager mit neuen gesellschaftspolitischen Texten zum Mitsingen zwecks Bekämpfung der zunehmenden bürgerlichen Desensibilisierung und Passivität in die Öffentlichkeit trägt. Installationen, wie beispielsweise Radio Cut Up – eine Stele als interaktives Online-Radio, das Besuchern im öffentlichen Raum die individuelle Gestaltung einer Audiosendung ermöglicht, Installationen als neuartige Leitsysteme, entwickelte Objekte wie die Soundbomben oder Atmenden Kugeln… oder kurz gesagt: es ist unschwer zu erkennen, dass sich mit PUPLIK.ORG ein Team gefunden hat, das viele Ideen hat und diese konsequent umsetzt. Wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses und der Ideenfindung ist dabei das Flanieren. Natürlich sind auch der gemeinsame Austausch, das gegenseitige Pushen bei der Konzeption und der Durchführung von Projekten sowie die Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten, z.B. Programmierern, unerlässlich.

Kennen gelernt haben sich Diane Müller und Werner Magar während ihrer Arbeit für das MARS-Exploratory Media Lab am Fraunhofer Institut für Medienkommunikation in Sankt Augustin. Nach einiger Zeit beschlossen sie, gemeinsam künstlerisch zu arbeiten – mit viel Spaß an der Freud, wie sie selbst sagen. Dabei denken sie darüber nach, wie der öffentliche Raum zum »Lebensraum« werden kann, – ob es dabei um guerilla-elektronische Taktiken in Einkaufpassagen, die Beschallung der Kölner Domplatte, die Aneignung und Neuverortung von Plätzen oder auch die Außendarstellung von Unternehmen geht.

Tatsächlich sind der Spaß an der Freud und jede Menge Energie gut nachvollziehbar, sobald man die beiden erlebt, wenn sie über ihre Ideen und Projekte erzählen, wenn man sie auf einem ihrer Gänge durch die Stadt begleitet oder in ihrem Atelier vorbeischaut, das sie sich mit zwei anderen Künstlern teilen.

PS: Auf besonderen Wunsch von Werner weisen wir darauf hin, dass der Arbeitsgang eines Flaneurs natürlich mehr dem Vorgehen des Walhais entspricht. Der ist nämlich deutlich freundlicher als ein Tigerhai.

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Interview mit Frank Dehner

08. Juli 2010 von Kerstin
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»Das ist meine Reality-Soap«

Frank Dehner absolvierte seine Schauspielausbildung in Göttingen und spielte am dortigen Schauspielhaus, bevor es ihn nach Köln zog. Hier überlegte er, den Weg zu Film und Fernsehen einzuschlagen und kam davon wieder ab, als er merkte, dass viele Produktionen vor Ort in Köln vor allem in schnellem Durchlauf gefertigt werden und nicht seinen Vorstellungen von Qualität entsprechen: »Gute Dinge brauchen einfach ihre Zeit.«

So blieb er dem Theater treu. Engagements ließen ihn zwischen Hamburg, dem Ruhrgebiet und Köln pendeln. »Irgendwie hatte ich damals so eine jugendliche Angst, dass ich nicht 25 werde. Als ich es dann doch geworden bin, wollte ich auch etwas Besonderes auf die Beine stellen – beispielsweise ein Theaterstück schreiben oder die Regie übernehmen.«

Doch wie das oft so ist, wenn man Pläne macht, schlägt das Leben gerne einen anderen Weg ein. In einem Hamburger Café stößt Frank Dehner zum ersten Mal auf ein vielen Menschen damals noch nicht bekanntes Erfrischungsgetränk namens Bionade. Er beschließt, es an seinem Wohnort heimisch zu machen. Neben seiner Schauspieltätigkeit beginnt er, die Belieferung von Gastronomien in der eigenen Nachbarschaft im Belgischen Viertel in Köln aufzubauen. Dabei leistet er mit viel Eigeninitiative Pionierarbeit für das Erfrischungsgetränk und schafft sich selbst nach und nach seinen heutigen Job, den Vertrieb in NRW.

In seiner freien Zeit entwickelt und baut Frank Dehner, zusammen mit einem Nachbarn, außergewöhnliche Leuchtobjekte. In einem kleinen Kellerraum, in dem auch unser Interview statt fand, entstehen Unikate, die ihre Fans und Abnehmer vor allem per Mundpropaganda im Freundes- und Bekanntenkreis finden. Auch darüber hinaus setzt Frank Dehner die Dinge ins rechte Licht. Mit viel Engagement, Know-how in Beleuchtung und feinem Gespür für Atmosphäre unterstützt er immer wieder Veranstaltungen in der Kölner Nachbarschaft.

Aus unserer Sicht steht die Geschichte von Frank Dehner als wunderbares Beispiel dafür, dass die oft so verschieden Dinge, die man im Leben lernt und tut – die vielen Facetten und Stärken des Einzelnen – sich letztlich auf einzigartige Weise ergänzen.

»Schauspiel ist für mich eine Konstellation auf eine Situation, auf eine Figur, und man wird, während man sich damit beschäftigt, ein anderer. Insofern ist es fast egal, in was ich mich hineinstelle, es zählt immer die Auseinandersetzung mit der Sache.«

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Interviews mit Oliver Matter

10. Juni 2010 von Chris
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»Der Natur die Aromen zu entlocken und in die Flasche zu packen, das ist meine Herausforderung.

In der vierten Generation stellt die Erlebnisbrennerei Matter aus Kallnach in der Schweiz hochwertige Spirituosen her. Angefangen hat alles mit Ernst Luginbühl-Bögli. Zunächst vertrieb er Martinazzi Bitter, einen erstmals 1864 in Turin aus 25 Kräutern und Wurzeln hergestellten Aperitif, und erwarb dann 1928 das Rezept für die Produktion in der Schweiz.

Und noch einen »Grundstein« legte Ernst Luginbühl-Bögli: er erwarb ein Rezept für das Getränk, mit dem sein Urenkel Oliver Matter Jahre später sehr erfolgreich werden sollte: Absinthe. Seit 2005 hat sich die Matter-Luginbühl AG, geführt von Oliver und Nicole Matter, auf die Herstellung von authentischem Absinthe, hergestellt nach Rezepten aus dem 19. Jahrhundert, spezialisiert.

Wir besuchten Oliver und Nicole Matter in ihrer Brennerei in Kallnach und lernten zwei Menschen kennen, deren Faszination für ihre Tätigkeit geradezu greifbar ist. So werden beispielsweise Original-Rezepte für die verschiedenen Absinthe-Editionen aus alten Apothekerbüchern entnommen, nach denen man extra dafür in Antiquariaten sucht. Jeder Absinthe bekommt seinen einzigartigen, unkonventionellen Look. Die Kräuter für den Absinthe, sowie überhaupt die allermeisten Zutaten für die verschiedenen Produkte der Matter-Luginbühl AG, stammen aus der Schweiz. Und wenn sie dort nicht fündig werden, sorgen Oliver und Nicole Matter schon mal selbst vor: beispielsweise mit den eigenen Obstanlagen.

Nicht von ungefähr kommt daher auch der Titel unseres ersten Inspiration Lounge Interviews mit Oliver Matter: »Der Natur die Aromen zu entlocken und in die Flasche zu packen, das ist meine Herausforderung.«

Eine ganz besondere Zusammenarbeit gelang, als die Matter-Luginbühl AG mit Marilyn Manson einen extra für Manson zugeschnittenen Absinthe herstellte. Manson spielte nicht nur bei der Festlegung des speziellen Geschmacks die entscheidende Rolle, er stellte auch eine Zeichnung für das Etikett zur Verfügung. 2007 präsentierte er dann den exakt 66,6 % starken MANSINTHE erstmals in Köln, im Rahmen seiner ersten Kunstausstellung in Deutschland. MANSINTHE wird seitdem weltweit verkauft.

Die Zusammenarbeit mit Künstlern und Musikern sowie der damit unternommene Brücken-schlag zwischen dem mythenbelegten Getränk der Bohème um die vorletzte Jahrhundertwende und der zeitgenössischen Kunstwelt, setzt sich bei den Matters bis heute fort.

Künstler wie Gottfried Helnwein, HR Giger oder auch der vielen zunächst aus der Industrial-Szene bekannte Peter Christopherson lieferten bereits Artworks für besondere Absinthe-Editionen.

Und wie das so ist mit guten Ideen, die genauso gut in die Tat umgesetzt werden: sie finden ihren Weg und ihre Fans. Unser zweites Inspiration Lounge Interview mit Oliver Matter, in dem er über die Zusammenarbeit mit Marilyn Manson spricht, heißt daher auch:

»So einfach ist die Geschichte.«

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