Better City, better Life?
04. Mai 2010 von Kerstin
Seit ein paar Tagen läuft inzwischen die Expo 2010 in Shanghai unter dem Motto »Better City, better Life.« Auf immenser Fläche präsentieren sich die verschiedenen Länder mit ihrer Mischung von Kultur und Wirtschaft. Wie eigentlich bei jedem so genannten Event dieser Größe kommt es natürlich auch in Shanghai im Laufe der Expo zu einigen, nennen wir es »Maßnahmen«, die aus Sicht der Verantwortlichen zur Vermeidung von Störungen offensichtlich notwendig sind. Betroffene sehen dies natürlich aus anderen Blickwinkeln.
So erreichte uns neulich eine Nachricht von Susanne Junker, dass die Terrasse ihres Experimental Art Spaces stageBack von der Polizei in Shanghai für die komplette Dauer der Expo gesperrt worden sei. Begründung: Jemand könnte herunterfallen. Nun gut, mag sein, dass heutzutage von Verantwortlichen auf jeder Terrasse ein Attentäter vermutet wird, über den man in Begründungen aber besser nicht spricht. Sicher war man bemüht, überhaupt eine Begründung vorzutragen und hat dabei nicht bemerkt, dass die Terrasse umzäunt ist.
Natürlich ist das nur einer von vielen Fällen. Und sicher gibt es Einschränkungen bei solchen Anlässen nicht allein in Shanghai. Sie treten eher mit Regelmäßigkeit überall dort auf, wo sich die »Welt« trifft, die auch gerne bestimmt, wie die »Welt« aussieht und wer alles dazugehört. Interessant daran ist, dass bei dieser Bestimmung ganz oft viele derjenigen außen vor bleiben, die gerade wesentlich zu einer vielfältigen kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort beitragen – durch tägliches Arbeiten, mit vielen Ideen, ohne große Show und Riesenbudgets. Ist dann der Ort erst interessant und gut genug durchorganisiert, kommen natürlich gerne auch die Etablierten.
Wenn alles sicher und sauber sein soll, so hübsch globalisiert und klinisch rein gesäubert von möglichst vielen örtlichen Besonderheiten, damit nicht mehr viel bleibt als schöne, landestypische Fassaden: wäre es nicht im Sinne der Verantwortlichen effizienter, man würde einen einzigen Ort für die Expo aufbauen und drum herum nur jedes Jahr ein paar neue, je nach ausrichtender Nation gestaltete, Potemkinsche Dörfer aufstellen? Die Attrappen kämen wesentlich preiswerter, Kulturschaffende und einheimische Betriebe würden weniger gestört und last but not least: Expobesucher könnten über die Jahre ein Art Discounter-Gefühl entwicklen à la: die Kenner wissen, kommt man rein, ist der Kaffeestand immer links.
Ok, ok, ist nur so ein Gedanke.
oliver matter (inhaber der matter-luginbühl ag)
peter kowalsky (mitbegründer von bionade)
thomas fuhlrott (gründer von zait)
stefan sander (weingut sander)
dr. george berbari (hirnforscher und psychiater)
emmanuel walderdorff
(emmanuel walderdorff galerie)
boris becker (künstler), gabriele paulussen-becker
manuel odendahl (ruin&wesen)
yung chin, nyc (bogenbauer)
Ich habe nichts gegen die Expo, finde aber auch, dass die kulturell gewachsenen Strukturen vor Ort in einer Stadt viel mehr unterstützt werden müssten. In letzter Zeit ist es leider üblich geworden, Großevents an alle möglichen Orte zu schaffen, um damit auf das große Geld zu hoffen. Der ganze Auftrieb hat aber mit den lokalen kulturellen Entwicklungen meist gar nichts mehr zu tun und ist damit tatsächlich »hübsch globalisert und klinisch rein«. Außerdem, mit Verlaub, auch langweilig, austauschbar und oft nicht an den Bürgerinteressen orientiert.