Archiv für: Februar 2010

Palme augustinert

28. Februar 2010 von Chris

st. brigitta of sweden(click the pix) Thomas Palme, gerade zurück aus Kopenhagen, bereitet bereits seine nächste Ausstellung vor, die Schaffensdrang, Schmerz, Heilsversprechen und Bier in Palmesker Art vereint:
Der Augustiner-Komplex.

Zur Einstimmung zeigen wir hier das einmalige Videodokument
»Der Augustiner-Komplex«, das wir bereits in unserer »Palme der Woche«-Schau veröffentlicht haben, und verweisen auf den folgenden Text des Kunsthistorikers Rafael von Uslar.

»Nur, was nicht aufhört weh zu tun, bleibt in Erinnerung«

Nietzsches Feststellung ist so folgerichtig wie kühn und ebenso voraus –schauend politisch/historisch korrekt. Folgerichtig ist sie, weil sie aus einer Kultur heraus spricht, die Schmerz, Folter und Tod zugleich zu einem Heilsversprechen wie zu einem Überlegenheitsanspruch verdichtet. Was ohne Frage eklig ist. Kühn ist sie, weil sie das Individuelle – und Schmerz ist zunächst einmal eine höchst individuelle Erfahrung, zum Allgemeingut bestimmt. Historisch/politisch korrekt wird die Feststellung, wenn man sie auf dem historischen Boden dessen stehen sieht, was Joseph Beuys als den »Schmerzraum« bezeichnet, »hinter dem Knochen wird gezählt«. »it still hurts« ergänzt Cary S. Leibowitz und noch INXS wissen: »The gift you gave is gonna last forever«. Daß erinnert wird, weil Schmerzen nicht aufhören, taugt so also erst einmal als eine Bestandsaufnahme deutscher Geschichte und Gegenwart. Doch es schmerzt nicht die Geschichte allein. »Alles, was lebt ist schmerzlich« sagt Trakl und so schmerzt vermutlich auch nach allem aufklärerischem Fortkommen Manchen noch immer der lästige und eigentlich hochnotpeinliche Phantom-schmerz der Religion.

Es gäbe wahrlich Wichtigeres, aber nun gut, also auch das: Da hängen sie ab, um einen Kasten Bier, eine Gruppe heiliger Damen mit tierischem Antlitz. Der Bierkasten hängt in Ketten von der Decke, Rausch-versprechend und Erd-schwer. Von hier aus sind Stricke in den Raum verspannt an denen mit Klammern befestigt eine Vielzahl von Zeichnungen und einzelne Gipsprothesen hängen. Die Gipse halten Kreuze aus Ästen und sind auf den Körper des Künstlers hin modellierte Aktionsrelikte.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Gruppe großformatiger Zeichnungen, die Porträts weiblicher Heiligen zeigen. In ihrer Darstellung folgen sie zunächst historisch bekannten Bildern, porträtieren die Damen aber mit Tierköpfen und variieren entscheidende Aspekte der historischen Vorlagen. So zeigt Thomas Palme Katharina von Emmerich zum Beispiel, als im Bett sitzend mit schwerem Verband, in den Händen ein Kreuz haltend. Verband und Szene erinnern an das Gemälde des Gabriel Cornelius von Max von 1885. Dieser jedoch betont die Stigmata seiner »ekstatischen« Frauengestalt und ihren Schmerz, mit dem Griff  beider Hände an den Verband und weinerlich unglücklichem Blick auf den Christus am Kreuz vor ihr. Bei Palme ist der Verband zu einer Art Nachthaube geworden, die Hände halten das Kreuz und der Gesichtsausdruck des Gorillas, der Katharina von Emmerich ist, wirkt ausgesprochen entspannt. Der Blick schweift über das Kreuz hinweg in eine unbestimmte Ferne.

So entsteht in den Zeichnungen in zweifacher Hinsicht ein dialogisches Verhältnis, einmal zwischen der Heiligen und dem Tier, als das sie, zu ihrer genaueren Abbildung, gezeigt wird, zum anderen auch zwischen der jeweiligen Zeichnung und ihrer historischen Vorlage. Im Übrigen hat Edith Stein ihren Auftritt als Katze, Theresa von Avila gibt den Orang-Utan in Ordenstracht, Brigitta von Schweden erscheint als Erdmännchen, Katharina von Siena überzeugt mit dem Versprechen: »Jede Träne hat ihren eigenen Haushalt« und natürlich als Hund.  Ohne Frage, so muss man allerdings zugeben, die beste Figur von allen macht dabei Therese von Lisieux, ein wahres Pin-up!  Dieses charmant schüchterne Lächeln des Schafkopfes, das raffiniert – diskrete Blecken der Zähne. Die wahre Erotik jedoch entfaltet sich in der verwegen dynamischen Strichfolge ihrer überaus ereignisreichen Gewanddarstellung. Der in der Zeichnung erklärten kollektiven Liebesbekundung kann man sich da nur ohne jeden Umschweif anschließen.

Hier sind sie nun also versammelt, die inbrünstigen Glückseligen, sie haben gewirkt, sie haben sich verbreitet und der Nachwelt das Fortschreiten ihrer Delirien beschrieben, nebst Herzensdürre, Ekstase und wollüstigen Verzückungen. »Von allen Schwerkranken verstehen es die Heiligen am besten, aus ihrem Leiden Vorteil zu ziehen« behauptet E.M. Cioran. Dem ist angesichts der Zeichnungen von Thomas Palme zu widersprechen! Es sind die Künstler die begabteren Leidenden:

Hier hängen sie an Klammern und in großer Zahl, Blätter, die nicht Gegenständliche Linienzeichnungen zeigen. Die Strichabfolgen erlauben dem Betrachter, heftige, schnelle und sehr kräftige Bewegungen nachzuvollziehen. In der Dichte der Überlagerungen vielfacher solcher Linienbewegungen lässt sich ein fast manisches Abarbeiten des beidhändig Zeichnenden erkennen. Jedes Blatt ein Schlachtfeld, ein Dokument eines rauschhaften Energie geladenen Ereignis, das genau in dieser ausgestellten Wucht und Wut ihren Gegenstand hat. Hier hört, sehr anschaulich und ganz offensichtlich, etwas nicht auf weh zu tun. Das bleibt mit jeder Darstellung erneut spannend nachvollziehbar und entwickelt sich in der Folge der Blätter zu einem ebenso auf- wie anregendem Sehereignis. So beobachtet man doch gerne und mit ästhetisch geistigem Gewinn jemanden dabei, zu leiden!

Über all dem hängt als Richtschwert und Erlösungsversprechen der Bierkasten. Mit Augustinus ist die erbsündliche Grundschuld und unabwendbare Höllenverdammnis als einer von vielen möglichen und wählbaren Schmerzensgründen benannt. Zum anderen ist da das Bier, das erst einmal Betäubung verschafft und als Hirnzellen vernichtendes Gift erst später weh tut. Beides ist dem Künstler laut Selbstaussage nicht unwichtig.

Bleibt da nur zu hoffen, dass die Ketten halten!

Rafael von Uslar

Thomas Palme, Der Augustiner-Komplex, 05. März bis 24. April 2010, München,
Galerie Andreas Grimm

Inspiration Lounge Interview mit Thomas Palme

Wesen »on air« – ein podcast

26. Februar 2010 von Chris

wesen_cccGerade bei uns rein gekommen und schon im Post: Unser Interview- und Kommunikationspartner Manuel Odendahl aka wesen spricht im chaosradio, dem podcast des Chaos Computer Club darüber, wie er Programmieren und Musik machen auf seine Weise zusammenbringt.

Reinhören.

Inspiration Lounge Interview mit Manuel Odendahl.

Better Art, better Life

19. Februar 2010 von Kerstin

aspsikSusanne Junker, Künstlerin, Initiatorin von stageBack Shanghai sowie Gründungsmitglied von aspsiK (Allgäuer-schwäbisch-pfälzisch-shanghaische interkultur Kooperative) hat einen großartigen Informationstext über die Entstehung der Kooperative und ihre Ziele (Prestigeprojekt: Expo 2017) veröffentlicht. Reinschauen.

Neben Susanne Junker vertreten auch der Künstler Thomas Palme und le tapir die Allgäuer-schwäbisch-pfälzisch-shanghaische interkultur Kooperative.

Wir freuen uns auf die internationale Zusammenarbeit und senden beste Grüße nach Shanghai.

Palm i Kierkegaardland

16. Februar 2010 von Kerstin

01 kierkegaard(click the pix) Kunstneren Thomas Palme er åben i de næste par dage til København, hvor der fra 19.02. til 13,03 2010 i Galeri Christoffer Egelund, vil hans udstilling »LOST OR DAMNED« blive afholdt.

At sætte stemning for det, og dem, der skal blive hjemme, her viser vi dig nogle gange, inden visninger.

Vi selvfølgelig ønsker alle de bedste i Danmark Thomas Palme og masser af sjov og succes på udstillingen.

Hilsen fra tapirer til København.

PS: To write this article we used the extraordinary help of Google Translator.

»Ihr seid Künstler und wir nicht«

14. Februar 2010 von Kerstin

schauspielhausWeil uns Merlin Bauer inzwischen gleich von zwei Seiten als Interviewpartner für die Inspiration Lounge empfohlen wurde, und aus gegebenem Rosenmontagsanlass hier ein Veranstaltungs-    hinweis: Durch die maßgebliche Initiative von Merlin Bauer wird morgen am Rosenmontagszug ein Wagen teilnehmen, der das Motto »Ihr seid Künstler und wir nicht« quer durch Köln tragen wird. Begleitet wird der Wagen von zahlreichen Kunst- und Kulturschaffenden, u.a. Gerhard Richter, Candida Höfer, Andreas Gursky und Jürgen Flimm.

Das Motto »Ihr seid Künstler und wir nicht« nimmt Bezug auf die Kölner Kulturpolitik, insbesondere auf den nur mit knapper Mehrheit zustande gekommenen Beschluss, dass Kölner Schauspielhaus trotz der profunden Einwände  zahlreicher Kulturschaffender abzureißen und durch einen teuren Neubau zu ersetzen. Angesichts schon angekündigter starker Kultur-etatkürzungen für die Jahre 2010/2011 wird befürchtet, dass Köln am Ende über ein neues Schauspielhaus als schicke Hülle verfügen könnte, in der nichts mehr stattfinden kann.

Ein Mottolied erklärt dann auch näher, warum die städtischen Verantwortlichen, im Gegensatz zu den Projektinitiatoren und -teilnehmern, Künstler sein sollen: »Sie lassen Häuser verschwinden und machen aus Geld Scheiße.«

Im Rahmen des Kunstprojekts »Ihr seid Künstler und wir nicht« geht es insbesondere auch um die Forderung nach mehr Mitverantwortung der Bürger im Bereich Kulturpolitik.

Dementsprechend läuft aktuell eine Unterschriftensammlung, mit der ein Bürgerbegehren zum Thema Erhalt und Sanierung des Kölner Schauspielhauses erreicht werden soll.